Nach Raubüberfall: „Ich traue mich nachts kaum mehr auf die Straße“

Ein Pensionist wurde in Dornbirn brutal ausgeraubt. Bei einer Umfrage der NEUE wird deutlich, wie unterschiedlich die Menschen über die jungen Tatverdächtigen denken.
Zwei Raubüberfälle auf ältere Menschen innerhalb von zwei Tagen sind aktuell Gesprächsthema im Ländle. Besonders der Fall in Dornbirn, wo ein 72-Jähriger in der Nacht auf Dienstag krankenhausreif geschlagen und seiner Geldtasche beraubt wurde, sorgt für Aufsehen. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich laut Polizei um zwei 13-jährige Intensivtäter, die im Jahr 2026 gemeinsam für über 300 Straftaten verantwortlich sind, aber wegen ihrer Strafunmündigkeit bisher weder angeklagt noch verurteilt werden konnten.
Bei einer Umfrage der NEUE in der Dornbirner Innenstadt zeigen sich Passanten betroffen, sehen verschiedene Ursachen, schlagen aber zugleich Lösungen vor.
“Eltern stärker in die Verantwortung nehmen”
Helmut Moll nimmt die Sache eher gelassen hin. “Ich fühle mich auf den Straßen schon sicher”, bekräftigt der 71-Jährige aus Nüziders, der mit seiner Frau am Marktplatz unterwegs ist. “Ich würde mir nach so einer Tat wünschen, dass es medial nicht so stark aufgebauscht wird”, fügt er hinzu.
Jedenfalls müsse man nach Taten wie dem Raubüberfall auf den 72-Jährigen “Sanktionen setzen”, erklärt Moll, der sich aber gegen eine Senkung des Strafmündigkeitsalters ausspricht. “Man sollte in solchen Fällen die Eltern stärker in die Verantwortung nehmen”, sagt der langjährige Jugendbetreuer. Er fordert ein Umdenken in der Bewertung von Straftaten: “Klauen sie einen Kaugummi, gibt es großen Ärger, aber eine Körperverletzung wird heruntergespielt.”
Ein großer Faktor für die heutige Jugend seien die sozialen Medien, sagt Moll: “Social Media ist in dieser Hinsicht problematisch. Für manche ist es wie ein Sport, Dinge zu beschädigen und Straftaten zu begehen.”

“Mir tun die Kinder leid”
“Früher war man bis 12 oder 1 Uhr unterwegs. Heute traue ich mich nachts kaum mehr auf die Straße”, sagt die Dornbirnerin Ingeborg Glatz. “Wenn ich in der Dunkelheit nach Hause spaziere, gehe ich bewusst auf den Straßen, auf denen andere Menschen unterwegs sind”, fügt die 84-Jährige hinzu.
Das Sicherheitsgefühl habe nach Taten wie dem Raubüberfall auf jeden Fall gelitten, befindet sie: “Es passiert so viel, man liest ja die schlimmsten Sachen in der Zeitung.” Die Dornbirnerin hat auf die Täter aber keine Wut, sondern äußert Mitgefühl: “Mir tun die Kinder leid, weil die wahrscheinlich kein richtiges Zuhause haben. Meiner Meinung nach liegt es in der Verantwortung der Eltern.”
Das sei ein Problem, das ihr vielfach auffalle, erklärt Glatz: “Viele Eltern haben keine Zeit mehr für ihre Kinder. Das fängt damit an, wenn man den Kleinen das Handy in die Hand drückt, anstatt sich mit ihnen abzugeben.”
Außerdem spricht sie die Gruppendynamik bei solchen Taten an: “Da stacheln sich die Jungen gegenseitig an. Auch Mobbing entsteht so. Das gab es früher in dieser Form nicht.”

“Wie erhältst du die Ordnung?”
Furkan Ondin ist in der Türkei geboren, weshalb er auch den Vergleich zu seinem Geburtsland zieht. Seiner Meinung nach ist es ein Problem, dass unter 14-jährige Täter nicht bestraft werden können – in der Türkei liege die Grenze sogar bei 18 Jahren, wie er anmerkt. “Wie erhältst du die Ordnung?”, fragt Ondin. Er erklärt, dass die Eltern in einer Form zur Verantwortung gezogen werden sollten.
Überdies sieht er ein weiteres Problem darin, dass strafmündige Täter junge Personen als Sündenbock für ihre Taten benutzen und sich somit der Verantwortung entziehen. Es sei eine Gesetzeslücke, die geschlossen werden müsse. Bei bestimmten, besonders schweren Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung sollte es jedoch auch möglich sein, Personen unter der jeweiligen Altersgrenze zu bestrafen.
Angesprochen darauf, wie sicher er sich in der Nacht im öffentlichen Raum fühlt, wägt er ab. “Es sollte an manchen Orten schon besser beleuchtet sein”, sagt er und zeigt auf eine Straßenlaterne.

“Gefängnis ist keine Lösung”
Monika Nemenz sieht mehrere Faktoren, warum es zu solchen Vorfällen komme. “Denen ist langweilig”, sagt sie über junge Straftäter. Jugendliche benötigen eine Struktur durch bestimmte Aufgaben oder Arbeit. Diesen Aspekt betont sie in ihren Ausführungen immer wieder. Angesichts dessen steht für sie auch fest: “Gefängnis ist keine Lösung.” Damit spricht sie sich zugleich gegen eine Herabsetzung der Strafmündigkeit aus. “Etwas muss man tun”, sagt sie dennoch unmissverständlich.
Nemenz sieht aber nicht nur die Situation der Jugendlichen. “Viele Eltern sind überfordert”, sagt sie. Nicht jeder sei dieser Verantwortung gewachsen.
Sie selbst gehe in der Nacht nicht mehr allein durch das Stadtgebiet. Zwar wohnt sie etwas abseits, ins Stadtinnere gehe sie abends aber nur in Begleitung wie beispielsweise in der Gruppe oder mit ihrem Mann. Auch gewisse Gegenden wie das Bahnhofsgebiet in Dornbirn meidet sie in der Dunkelheit. Tagsüber fühle sie sich allerdings sicher.

Weitere Stimmen
Die NEUE sprach mit weiteren Passanten. Diese wollten jedoch ohne Bild zitiert werden.
„Es wird schlimmer“, sagt Johann Sohler und verweist auf verändertes Verhalten junger Leute. In der Jugend seien er und seine Freunde aktiv gewesen, hatten am Abend keine Energie mehr. In seinen Augen sollte in diesem Punkt angesetzt werden. „Nach der Schule sollen sie arbeiten, statt sie einzusperren.“ Er selbst halte sich abends zwar nicht mehr im Stadtgebiet auf, an bestimmten Orten wie beispielsweise Unterführungen könne ihm allerdings schon unwohl werden.
„Nach fünf Uhr traue ich mich nicht mehr raus“, sagt Ingeborg Bricmann. „Die 13-Jährigen dürften um die Uhrzeit gar nicht mehr draußen sein“, zeigt sie sich empört. Es brauche „mehr Strafe“ für diese Kinder, aber es bringe nichts, sie „zu den Schwerverbrechen zu sperren“.
„Mit 300 Anzeigen haben die fast täglich etwas verbrochen“, konstatiert Helmut Kröß. Seine Frau Erika betont, die Strafmündigkeit soll „auf jeden Fall“ auf zwölf Jahre gesenkt werden. „In solchen Fällen muss es harte Strafen geben“, erklärt sie. Auch für die Eltern brauche es Konsequenzen, sind sich beide einig.
Von Thomas Frick und Tobias Holzer