Dinge, die ich nicht verstehe: der Schranksessel

Ich habe in meinem Schlafzimmer ein Möbelstück, dessen ursprüngliche Bestimmung schon seit längerer Zeit in den Brunnen des Vergessens gefallen ist. Ein Sessel, der beleidigt unter meinem textilen Sammelsurium schmollt, das sich dort zu einem eigenständigen Gebirge auftürmt. Er würde gerne wieder einmal seinen Talenten folgen und als Sitzgelegenheit dienen. Der Arme.
Dabei verfüge ich – man glaubt es kaum – durchaus über einen Kleiderschrank. Er hat sogar Türen, Fächern und – tataaa – Kleiderbügeln. Dennoch scheint meine Kleidung eine magnetische Anziehungskraft zu besagtem Sessel entwickelt zu haben. Jene Stücke, die weder schmutzig noch sauber genug für den Schrank sind, knubbeln sich dort zusammen. Eine Art textiles Wartezimmer.
Selbstverständlich habe ich versucht, diesem Phänomen entgegenzuwirken. Garderobenständer wurden angeschafft, sogenannte „Faule Diener“ (ein sehr sympathischer Name) ins Schlafzimmer verfrachtet. Doch sämtliche Bemühungen scheiterten. Während der faule Diener seinem Namen alle Ehre macht und antriebslos herumsteht, wächst der Wäscheberg munter weiter – auf dem Sessel.
Ein weiteres Rätsel ist, weshalb auf diesem grundsätzlich nichts zusammengelegt liegt – zumindest Ansatzweise. Weil, ich muss offenbaren: Frau Salmhofer ist keine ausgewiesene Zusammenlegekünstlerin. Meine Fähigkeiten bewegen sich irgendwo zwischen zerknülltem Taschentuch – wie es meine Oma unter dem Hemdsärmel hervorzuzaubern wusste – und missglücktem Origami, dass eher aussieht wie eine Ente mit Brechreiz als ein erhabener Schwan. Besonders unangenehm offenbart sich dieses Defizit beim Einkaufen. Ziehe ich einen liebevoll gefalteten Pullover aus seinem wolligen Artgenossenverbund, um dessen Schnitt zu begutachten, beginnt der Faltalbtraum. Was zuvor ein geometrisches Meisterwerk war, verwandelt sich unter meinen Händen in etwas, das eher aussieht wie ein Einwegzelt nach dem drei Tage Open-Air-Festival in Lustenau. Sprich: wie ein Fetzen. Manchmal kaufe ich das gute Stück dann einfach, um mir die Blöße der missglückten Rückfaltung zu ersparen.
Ursprünglich stand der Sessel übrigens dort, damit man sich beim Anziehen der Socken altersbedingt hinsetzen kann. Vielleicht hätte ich Tischlerin werden sollen. Ein Schranksessel aus Fichten-Föhren-Tannenholz. Oder Ahorn. Klappe auf, Zeug rein, hinsetzen. Wobei ich mich dann nach ein paar Monaten garantiert wundern würde, warum ich so wenig anzuziehen habe. Also bleibt es beim Korbsessel. Ich glaube zumindest, dass er aus Korb ist. Ich wühle und schaue einmal nach.