Allgemein

“Mein Herz blutet”

06.06.2020 • 22:03 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Benjamin Edionwe besucht die HTL in Rankweil. <span class="copyright">Hartinger</span>
Benjamin Edionwe besucht die HTL in Rankweil. Hartinger

Benjamin Edionwe über das Leben als Person of Color in Vorarlberg.

Ein leerer Stuhl, das Video in Schwarz-Weiß gehalten. Das Setting ist simpel, die Thematik ist es nicht. Ein junger schwarzer Mann setzt sich auf den Stuhl und beginnt von einem Blatt Papier zu lesen. „Ich mache das hier für euch, aber ich mache es auch für mich. Denn jeder der mich kennt, weiß, dass ich ein sehr nachdenklicher Mensch bin und das wurde in den letzten Tagen noch deutlicher. Mein Herz blutet“, lauten die einleitenden Worte des Jugendlichen.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Instagram angezeigt.

Sein Name ist Benjamin Edionwe. Ein 18-jähriger Lauteracher, der sich in seinem Instagram-Video auf den Tod von George Floyd bezieht. Der schwarze US-Amerikaner kam ums Leben, weil ein Polizist 8 Minuten und 46 Sekunden sein Knie auf seinen Hals und Nacken drückte, während Floyd mit Handschellen gefesselt auf dem Bauch lag und von drei weiteren Beamten fixiert wurde. Floyd bettelte um sein Leben und starb, weil ihm von Personen, die ihn eigentlich schützen sollten, die Luft zum Atmen genommen wurde.

„Es ist wichtig, dass die ganze Welt auf diese Ungerechtigkeit schaut, um sie erfolgreich zu bekämpfen. Ich will, dass sich jeder von euch mit diesem Thema auseinandersetzt. Überlegt euch, was ihr dafür tun könnt, Rassismus in eurem direkten Umfeld zu bekämpfen“, sagt der Vorarlberger in seinem Video.

Etwas Persönliches

Es sind wohl gewählte Worte. Worte, die sich nicht nur mit der Situation in den USA auseinandersetzen, sondern auch mit der Situation eines jungen schwarzen Mannes in Vorarlberg. Das, was in den USA gerade passiert, hat ihn innerlich „aufgefressen“, erzählt er. „Ich fühle mich so verbunden. Es fühlt sich an, als ob ihr Konflikt auch mein Konflikt wäre, weil uns nichts unterscheidet. Die Gründe, die Menschen dort zu Zielscheiben machen, könnten auch mich zur Zielscheibe machen. Ich wollte den Leuten mit diesem Video klar machen, dass es etwas ganz Persönliches ist. Es macht einen Unterschied, wenn man ein bekanntes Gesicht sieht. Wenn man mitbekommt, dass jemand aus deinem direkten Umfeld betroffen ist.“

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Social Media

In den vergangenen Tagen bezogen viele Menschen, auch in Vorarlberg, zu den Geschehnissen in den USA Stellung. Via Social Media bekundeten viele mittels eines schwarzen Profilbildes Stellung und erklärten sich der „Black-Lives-Matter“-Bewegung solidarisch. Für den 18-Jährigen zu wenig. Zu schnell würde man einfach einen „Teilen“-Button drücken oder einem Trend folgen. Ebenso schnell würde das Thema dann aber auch wieder vergessen sein. Er selbst möchte die Menschen dazu bewegen, sich mit dem Thema Rassismus offen und bewusst auseinanderzusetzen.

Rassimus als Teil des Lebens

Für ihn als „Person of color“ in Vorarlberg ist Rassismus Teil des Lebens und schon immer präsent gewesen. „Ich bin mit dem Wissen groß geworden, dass ich anders bin, mir viel werde anhören müssen und für meinen Boden werde kämpfen müssen. Für einen kleinen Jungen bedeutet das eine sehr große Verwirrung. Du bist anders als die anderen und weißt nicht, wieso das so ist.“

<span class="copyright">Hartinger</span>In der knienden Pose als Bekundung der Solidarität zu Black Lives Matter.
HartingerIn der knienden Pose als Bekundung der Solidarität zu Black Lives Matter.

Es passiert ihm häufig, dass er aufgrund seiner Hautfarbe unterschätzt wird. Eine Erfahrung, die auch seine Eltern aus Nigeria, die seit knapp 14 Jahren in Vorarlberg wohnen, immer wieder machen mussten. „Als meine Eltern mein Zeugnis für die Bewerbung an der HTL abgegeben haben, standen sie im Schulgebäude und haben das Sekretariat gesucht. Sie wurden aufgehalten und gefragt, ob sie denn wüssten, dass sie in der HTL seien. Erst nachdem sie mein Zeugnis hergezeigt hatten und bestätigten, dass sie selbstverständlich wissen, wo sie seien, wurde ihnen der Weg zum Sekretariat erklärt.“  

Vorurteile

Immer wieder auch, so erzählt Benjamin, wird er auf gewisse Sachen beschränkt. „Ich spiele ganz gerne Basketball. Wenn ich darin gut bin, ist das, weil ich schwarz bin. Wenn ich schnell renne, ist das, weil ich schwarz bin. Es ist nicht deshalb, weil ich vielleicht gut dafür trainiert habe.“

Und dann gibt es die äußerst demütigenden Situationen, der offen ausgelebte Rassismus, dem der leidenschaftliche Handballer immer wieder begegnet. Im Zug etwa, wenn sich jemand weigert, sich neben ihn zu setzen. „Das sind Ausreißer, aber es gibt sie halt doch. Meistens lächle ich nur. Die Leute wissen es halt nicht besser.“

<span class="copyright">Hartinger</span>
Hartinger

Erfahrungen der Eltern

Oder sein Vater, der sich mit einem Geschäft in Friedrichshafen selbstständig gemacht hat und nun immer wieder über die Grenze muss. Jedes Mal würde er aufgehalten, weil mit Menschen dunkler Hautfarbe einfach anders umgegangen wird. Überhaupt, sein Vater habe es noch um einiges schwerer gehabt als er selbst.

„Was ich von meinen Eltern mitbekommen habe, ist, dass sie das Gefühl haben, es gibt bestimmte Dinge, die ich niemals werde machen können, weil ich schwarz bin. Mein Vater hat lange in der Gastronomie gearbeitet. Leute, mit denen er damals gearbeitet hat, sind heute Hoteldirektoren. Er hat nie die Chance bekommen, das zu machen, was ihm seine Qualifikation hätte bringen können.“

Erfahrungen einer Generation, von denen sich Benjamin aber nicht einschränken lässt. „Dazu habe ich einfach zu viel gelernt, dafür kann ich zu viel.“ 

Die Vorurteile „People of color“ gegenüber sieht der Lauteracher auch in der Einfachheit der Dinge verwurzelt. Schließlich sei es leichter für Menschen in Schwarz-Weiß zu denken, als in Grautönen, glaubt Benjamin. Er hingegen hat das Bedürfnis dagegenzuhalten. Gegen Vorurteile, gegen Fremdenfeindlichkeit und egal wem gegenüber. „Wir alle tragen eine soziale Verantwortung. Man muss sich so gut wie möglich verhalten. Wenn ein Schwarzer auftritt, dann vertritt er alle Schwarzen, die es gibt, und dann möchte ich auch ein gutes Beispiel sein. Zeigen, dass wir tolerant sind, aber trotzdem nicht alles tolerieren. Das kann Leute verändern – und das ist auch mein Ziel.“ 

Am Samstag fand eine Black-Lives-Matter-Kundgebung in Bregenz statt. <span class="copyright">Sams</span>
Am Samstag fand eine Black-Lives-Matter-Kundgebung in Bregenz statt. Sams

Verantwortung übernehmen

Die Vorurteile People of Color gegenüber sieht der Lauteracher auch in der Einfachheit der Dinge verwurzelt. Schließlich sei es leichter für Menschen, in Schwarz-Weiß zu denken, als in Grautönen, glaubt Benjamin. Er hingegen hat das Bedürfnis dagegenzuhalten. Gegen Vorurteile, gegen Fremdenfeindlichkeit und egal wem gegenüber. „Wir alle tragen eine soziale Verantwortung. Man muss sich so gut wie möglich verhalten. Wenn ein Schwarzer auftritt, dann vertritt er alle Schwarzen, die es gibt, und dann möchte ich auch ein gutes Beispiel sein. Zeigen, dass wir tolerant sind, aber trotzdem nicht alles tolerieren. Das kann Leute verändern und das ist auch mein Ziel.“  

“Zeigen, dass wir tolerant sind, aber trotzdem nicht alles tolerieren.”

Benjamin Edionwe

Aufklärung betreiben

Aufklärung ist die oberste Prämisse und im eigenen Umfeld damit beginnen. Es müsse den Menschen klar gemacht werden, dass es bestimmte Ausdrücke gibt, die kränken. Inklusion statt Integration ist für den 18-Jährigen dabei ein ganz besonders wichtiger Punkt. „Es kann von Menschen nicht verlangt werden, dass sie ihre ganze Kultur aufgeben, nur weil sie hier leben.“ In einer besonderen Verantwortung die Angst und den Hass zu reduzieren, sieht der Vorarlberger die Medien. Schon alleine bei der Berichterstattung auf die Angabe der Herkunft des in kriminelle Handlungen Verwickelten zu verzichten, könne viel dazu beitragen. „Ein schlechter Mensch, ist ein schlechter Mensch. Egal, woher er kommt“, lautet Benjamins Credo.

Keine Unterschiede

Mehr Menschen mit unterschiedlicher Herkunft sichtbar zu machen, wäre ein weiterer Punkt, der in seinen Augen die Toleranz erhöhen würde. Eine Diskriminierung aufgrund der Herkunft darf im Jahr 2020 nicht mehr vorkommen. „Nur weil ich Österreicher bin oder Afghane oder Türke macht uns das noch nicht unterschiedlich. Das alleine definiert uns noch nicht, nicht wer wir sind und was wir machen“, sagt der Schüler.