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Der Wälder, der jedes Auto richten kann

12.12.2021 • 15:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der Wälder, der jedes Auto richten kann
Rainer Gmeinder vor seinem neuen Betrieb in Doren. Hartinger

Rainer Gmeinder eröffnete zwei Monate vor Krise neue Autowerkstatt.

Noch vor knapp zwei Jahren betrieb Rainer Gmeinder in einem ehemaligen Pferdestall bei seinem Elternhaus in Doren eine kleine Autowerkstatt.

Mit einem Mitarbeiter und einer Hebebühne. Jetzt steht an der Hauptstraße von Doren eine nigelnagelneue Werkstatt mit sechs Hebebühnen, mit hellem Verkaufsraum sowie zwei Büros, und Rainer Gmeinder ist Chef eines siebenköpfigen Teams. Nur zwei Monate, nachdem sein Betrieb „Fahrzeugtechnik Boss“ gestartet war, kam die Pandemie und in Folge die Lieferschwierigkeiten bei den Zulieferern, was zu teureren Autos geführt hat. Dennoch ist der 42-jährige Dorener zufrieden und positiv gestimmt. Und: „Es ist ganz wichtig, den Humor nicht zu verlieren“, sagt er.

Doch der Reihe nach: Rainer Gmeinder, der sein ganzes Berufsleben lang Mechaniker ist, hatte früher nie vor, sich selbständig zu machen. „Aber ich machte meine Erfahrungen und entschloss mich deshalb doch zum Schritt in die Selbstständigkeit“, erzählt er. Also fing er vor zehn Jahren an, im umgebauten Pferdestall Autos zu reparieren. Zwei Jahre danach stellte er einen Mechaniker ein, bald begann er ein wenig mit dem Autohandel und schließlich wusste er im Jahr 2014: „Ich brauche mehr Platz.“ Bis er diesen gefunden hatte, dauerte es jedoch.

Vom Bagger zum ersten Auto

Aber dann ging alles ganz schnell: Sieben Monate nach Baggerbeginn war das ursprüngliche Zweier-Team auf sieben Personen angewachsen, und es wurde das erste Auto in der neuen Werkstatt repariert. Das neue Gebäude hat eine Größe 800 Quadratmetern, es ist nach dem neuesten Stand eingerichtet, und es wurde mit einer Luftwärmepumpe sowie einer Photovoltaikanlage versehen.
So viel Geld zu investieren, ist eine mutige und riskante Entscheidung. Woher nahm der zweifache Familienvater diesen Mut? „Ich habe das Gefühl, wir leben allgemein in einem guten Land, und der Bregenzerwald ist speziell gut. Der Wälder will, dass es ‚körig‘ gemacht wird, er möchte den Service vor Ort und er will die Menschen, die mit seinem Auto zu tun haben, kennen“, erklärt Rainer Gmeinder. Ein weiterer Vorteil sei, dass der Bregenzerwald kein urbaner Bereich ist. In den weit verzweigten und teilweise abgelegenen Dörfern sind die Menschen auf Autos angewiesen. Außerdem: Einen zusätzlichen Vorteil sieht Rainer Gmeinder darin, dass er eine freie Werkstatt und einen freien Handel – also ohne Markenbindung – betreibt.

Der Chef in seinem Büro. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Chef in seinem Büro. Hartinger

Glück mit Team

Auch die Autobranche sucht teilweise händeringend nach Mitarbeitern. Von diesem Problem blieb Rainer Gmeinder aber verschont. „Ich hatte Glück mit dem Team, das ich gefunden habe. Oder besser gesagt, das mich gefunden hat.“ Jeder kennt jeden. Und: „Alle haben kurze Arbeitswege. Die Wege von allen sieben zusammengezählt ergeben 15 Kilometer. Das ist ein Durchschnitt von 2,14 Kilometer pro Person. Das ist regional und C02-sparend“, sagt der Werkstättenchef.

Glück hatte Rainer Gmeinder auch in einem anderen Bereich: Er war auf der Suche nach einem Mieter für ein leerstehendes Büro in seinem neuen Gebäude und sprach eines Tages mit dem Versicherungsfachmann Bernhard Elbs, den er bis dahin nur flüchtig gekannt hatte. Es stellte sich heraus, dass der Versicherer ein Büro in Doren suchte, und so bekam er den Raum bei „Fahrzeugtechnik Boss“. Das ist für alle eine Win-win-Situation. Bernhard Elbs berät über Versicherungen und schließt sie ab, er wickelt die Finanzierung ab, er meldet die Autos an und er macht Schadenbearbeitung. „Vom Autokauf bis zur Versicherung: Wir sind ein ‚One Door Shop‘“, sagt Rainer Gmeinder.

Dann kam Corona

Im Verkaufsraum: Assistentin Monique Lingenhel, Rainer Gmeinder und Versicherungsfachmann Bernhard Elbs. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Verkaufsraum: Assistentin Monique Lingenhel, Rainer Gmeinder und Versicherungsfachmann Bernhard Elbs. Hartinger

Eine topmoderne, neue Werkstatt, ein gutes Mitarbeiter-Team und der „One Door Shop“: Die Startbedingungen hätten besser kaum sein können. Doch cirka zwei Monate nach dem Einzug in das neue Gebäude brach die Pandemie los. Arbeiten durften die Werkstätten in allen Lockdowns, was die Situation erleichterte. Zudem sei die Kfz-Branche recht stabil und krisensicher, da die Auto-Mobilität in Vorarlberg großgeschrieben werde. Auch jetzt im vierten Lockdown ist Rainer Gmeinder nicht beunruhigt, was sein Geschäft betrifft.
Und das, obwohl sich die Folgen der Pandemie sehr auf den Autohandel auswirken. Durch die Zuliefererprobleme wurden die Autos rarer und deshalb teurer. Nur diejenigen, die wirklich ein Auto brauchen, kaufen momentan. „Der Handel stagniert. Das wird auch bis über das nächste Jahr noch so sein“, vermutet Rainer Gmeinder. Im Gebrauchtwagenhandel seien die Preise teils bis zu 20 Prozent gestiegen. „Seit der Corona-Krise muss ich in Puncto Gebrauchtwagen Fahrzeuge in Privatbesitz suchen. Auch schon habe ich jemanden, der ein Auto inseriert hat, angerufen und derjenige sagte, ich sei bereits der vierte Händler-Interessent“, verdeutlicht der Unternehmer die Situation. Bis vor wenigen Wochen noch sah er sich im Handel dennoch klar im Vorteil, weil: „Als freie Werkstätte konnte ich über Importe Lagerfahrzeuge der meisten Marken beziehen.“ Doch mittlerweile gehe der Puffer bei Importen zurück. „Ich bekomme noch Autos, aber nicht von jedem Modell und mit jeder Ausstattung.“

Ich habe das Gefühl, wir leben allgemein in einem guten Land, und der Bregenzerwald ist speziell gut.

Rainer Gmeinder,
Werkstätten-Besitzer

Reparieren statt verkaufen

Nur cirka zehn Prozent seines Umsatzes macht der Handel derzeit aus. „Ich stehe zum Glück aber auf zwei Beinen“, sagt Rainer Gmeinder. „Wenn ich nicht verkaufe, arbeite ich in der Werkstatt.“ Dort herrscht jetzt Hochbetrieb: Autobesitzer lassen ihre Autos vermehrt reparieren, weil ein Kauf zurzeit so teuer ist. . „Da wir einiges unter Vertragswerkstättenniveau kosten und doch fast alles bieten können, schätze ich, dass die Werkstattauslastung noch mehr steigen wird“, sagt der Dorener.

Die Pandemie brachte ein weiteres Thema mit: Weil die Inflation so hoch ist, haben manche Menschen in Autos investiert. Rainer Gmeinder dazu: „Das haben wir im Frühling 2021 gemerkt. Einige Menschen legten ihr Geld in Autos an.“ Jetzt treffe das aber nicht mehr zu: Die Autos seien zu teuer und die NoVA (Normverbrauchsabgabe) zu hoch.

Der umgebaute Pferdestall, in dem Rainer Gmeinder zehn Jahre lang arbeitete. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der umgebaute Pferdestall, in dem Rainer Gmeinder zehn Jahre lang arbeitete. Hartinger

Mut, Fleiß, Zuversicht

Rainer Gmeinder zeigt beim Besuch der NEUE nicht nur seine neue Werkstatt, sondern auch den umgebauten Pferdestall, in dem er zehn Jahre lang gearbeitet hat. Die Unterschiede sind sehr groß. Rainer Gmeinder – der freundlich, unkompliziert und bodenständig wirkende Dorener – hat sich wirklich etwas getraut und ist mit Mut, Fleiß sowie Zuversicht an die Vergrößerung seines Betriebes herangegangen. Er hat Corona und all den damit verbundenen Widrigkeiten getrotzt und sich als Chef des siebenköpfigen Teams bewährt.

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