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Vom Bergdoktor zum Berliner Flughafen

07.07.2022 • 19:12 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Vorarlberger Landtag wurde am Donnerstag über das Gesundheitswesen diskutiert. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Vorarlberger Landtag wurde am Donnerstag über das Gesundheitswesen diskutiert. Hartinger

Die Herausforderungen im Gesundheitswesen wie zum Beispiel Ärztemangel waren Thema der Aktuellen Stunde.

Verbesserungsbedarf gibt es im heimischen Gesundheitswesen. Darüber waren sich in der Aktuellen Stunde des Landtags am Donnerstag alle Parteienvertreter einig. Vor allem die Zahl der Kassenärzte im Land ist ein Grund zur Sorge. Die Freiheitlichen hatten deswegen die Aktuelle Stunde unter das Motto „Vorarlbergs Gesundheitslandschaft auf Vordermann bringen – Versorgung langfristig sichern, Ärztemangel endlich entgegenwirken!“ gestellt.

Großbaustelle

FPÖ-Gesundheitssprecher Hubert Kinz erläuterte sogleich, warum seine Fraktion dieses Thema gewählt hatte. Er bezeichne das Gesundheitssystem schon seit Längerem als Großbaustelle, berichtete der Abgeordnete. Mittlerweile näherten sich deren Ausmaße schon jenen des Berliner Flughafens, der 2020 nach jahrelangen Verzögerungen beim Bau und explodierenden Kosten eröffnet worden ist. Ziel des Gesundheitswesens müsse es sein, allen – unabhängig von Alter, Einkommen und Wohnort – zu jeder Zeit eine qualitätsvolle medizinische Versorgung zu bieten. Durch den Ärztemangel werde dieses Ziel in Vorarlberg teilweise schon nicht mehr erreicht, meinte Kinz. So könne etwa in der Kummenbergregion außerhalb der Ordinationszeiten und am Wochenende keine wohnortnahe Versorgung mehr sichergestellt werden.

Die herausfordernde Situation werde sich künftig eher verschärfen als verbessern. Schließlich werde erwartet, dass bis 2027 insgesamt 70 Kassenärzte – davon 36 Allgemeinmediziner – in Pension gehen werden. Darunter würde unter anderem die Präventionsarbeit leiden. Zudem verwies Kinz auf die geplante vorübergehende Schließung der Geburtenstation am Landeskrankenhaus Bludenz. Seitens der schwarz-grünen Regierung werde zu wenig für die Sicherung der Gesundheitsversorgung getan, meinte Kinz.

14 Forderungen

Aus diesem Grund haben die Blauen kürzlich einen Antrag eingebracht, der gestern dem zuständigen Ausschuss zugewiesen wurde und im Oktober im Landtag diskutiert wird. Enthalten sind darin 14 Forderungen an das Land und den Bund. So sollen etwa in Vorarlberg die Ausbildungsplätze an den Spitälern aufgestockt werden. Ebenso machen sich die FPÖ-Mandatare für ein Stipendienmodell für Vorarlberger Medizinstudierende stark, die sich nach dem Studium auch im Land niederlassen wollen. Der Bund wird beispielsweise aufgefordert, die Aufnahmekriterien beim Medizinstudium zu überarbeiten, sodass neben fachlichen Kriterien auch Praxisnähe und soziale Kompetenz überprüft werden.

Susanne Andexlinger, ÖVP-Gesundheitssprecherin und selbst Allgemeinmedizinerin, wies darauf hin, dass es statistisch gesehen keinen Ärztemangel geben dürfte. Denn bei der Ausbildung von Medizinern liege Österreich im OECD-Vergleich deutlich über dem Durchschnitt. Problematisch sei jedoch, dass Ärzte meist keine Einzelkämpfer seien und auch nur wenige eine Leidenschaft für das Unternehmertum hätten. Sie würden daher eher keine eigene Praxis eröffnen. Umso wichtiger sei es, Modelle wie die geplanten Primärversorgungseinheiten (PVE) zu bieten.

Ähnlich äußerte sich Nadine Kasper von den Grünen. Es gebe genügend Ärztinnen und Ärzte im Land. Allerdings würden immer mehr von ihnen als Wahlarzt arbeiten anstatt eine Kassenstelle zu wählen. Dabei spielten auch die wenig attraktiven Arbeitsbedingungen für die Kassenärzte eine Rolle. Diese seien „meilenweit entfernt von der romantischen Bergdoktor-Idylle“, meinte Kasper.
SPÖ-Abgeordnete Manuela Auer bestätigte diese Einschätzung. Sie berichtete beispielsweise von Vorarlbergs SPÖ-Chefin Gabriele Sprickler-Falschlunger. Diese ist nämlich in Dornbirn als Allgemeinmedizinerin tätig. Allerdings gehe Sprickler-Falschlunger Ende September in Pension und obwohl sie einem möglichen Nachfolger oder einer Nachfolgerin die Praxis samt Inventar zur Verfügung stellen würde, sei kein Arzt und keine Ärztin zu finden. Es stimme etwas im System nicht, sagte Auer.

Diese Diagnose stellte auch Johannes Gasser von den Neos. Für viele Mediziner biete eine Stelle als Wahlarzt eine bessere Work-Life-Balance als als Kassenarzt. Umso wichtiger sei es, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen und dafür gebe es gute Beispiele. Gasser nannte dabei etwa das Kinderärztezentrum in Dornbirn. Die PVE sind für ihn ebenfalls ein Schlüssel zur Verbesserung der Situation.

“Werden immer bauen”

Dies sah auch die zuständige Landesrätin Martina Rüscher (ÖVP) so. In Kürze soll es bereits die ers­ten PVE in Vorarl­berg geben. Sie stellte jedoch auch klar, dass das Land nur in den Spitälern die Verantwortung für die Ärzteschaft habe. Im niedergelassenen Bereich seien Ärztekammer und Sozialversicherungen zuständig, wobei viel mit diesen kooperiert werde. In Sachen Aufnahmeprüfung beim Medizinstudium würden sich die Gesundheitsreferenten der Länder bereits beim Bund um Änderungen bemühen. Wenn Kinz vom Gesundheitssystem als Baustelle spreche, dann werde man auch in den kommenden Jahrzehnten weiterhin permanent bauen, meinte Rüscher. Denn es werde in diesem Bereich immer Fragen und Anliegen geben, denen man sich widmen müsse. „Und wir werden sie gemeinsam lösen“, gab sich die Landesrätin selbstbewusst.