Fruchtsalat: Banane und Apfel können gemeinsam

Heidi Salmhofer mit ihrer Kolumne in der NEUE am Sonntag.
Als Apfel ist es einfach, sich in das Sein eines anderen Apfels hineinzudenken. Immerhin kamen beide von einem Apfelbaum, wuchsen in einer ähnlichen Umgebung auf und schmecken wahrscheinlich auch ähnlich, außer, einer hat einen Wurm drin. Dann gibt es kleine geschmackliche Abweichungen. Sich als Apfel in eine Banane hineinzuversetzen, ist schon ein wenig schwieriger. Wenn man nie an einer Palme hing, noch nie so eine dicke Schale hatte und schon gar nicht nachvollziehen kann, wie es ist, so lang und gekrümmt vor sich hinzuwachsen, kann man schwerlich behaupten, zu wissen, wie eine Banane denkt und was sie für Bedürfnisse hat. Logisch. Wie auch? Am besten quatscht man als Apfel einfach mal mit der Banane, bevor man sein eigenes „Apfeltum“ über die Banane stülpt und von ihr verlangt, sich gefälligst in vier Apfelschnitze zu verwandeln.
Selbiges gilt natürlich auch für die Banane – ein cremiges Mus wird ein Apfel nicht zusammenbringen. Beim Miteinanderreden werden die Früchtchen wahrscheinlich draufkommen, dass sie gemeinsam ein perfektes Ingredienz für einen grandiosen Fruchtsalat sind. Ich habe aber derzeit den starken Eindruck, dass es viel zu viele Oberäpfel auf der Welt gibt, die uns Früchten vorgaukeln, es gäbe per se Obstsorten, die grundsätzlich weniger wertvoll seien. Die einen meinen, nur wer an diesen einen knorrigen Apfelbaum glaubt, ist eine gesegnete Frucht. Andere meinen, nur weil man sich in ordentliche, geradlinige Schnitze aufteilen lassen kann, ist man fruchtiger als alle anderen. Dabei vergessen viele dieser Oberäpfel, dass es in einem bunten Obstsalat genau die Vielfalt ist, die den Geschmack ausmacht.
Wir wissen doch: Ein Fruchtsalat, in dem alle Stücke gleich aussehen und gleich schmecken, ist kein Fruchtsalat mehr. Er ist eine fade Einheitsmasse. Wollen wir das wirklich? Wollen wir in einer Welt leben, in der alle Früchte sich nach den Wünschen der Oberäpfel formen? Oder wollen wir eine Welt, in der jede Frucht – ob Apfel oder Banane, Mango oder Ananas – die Freiheit hat, so zu sein, wie sie gewachsen ist? Mischen wir uns doch zum „greatesten Fruchtsalat of all time. Greater than any Fruchtsalat ever was. A huge Fruchtsalat“. Und dann schauen wir darauf, dass alle unsere kleinen Fruchttiger genug Möglichkeiten bekommen, sich in Obstschalen – öhm, Obstschulen – zu bilden und zu lernen. Gemeinsam. Und die kleine Kiwi kullert auch mit, und keiner disst sie wegen ihrer Haare am Körper. „The greatest idea of all ideas, ever.“
Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalistin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.