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Das Wurstbrot und der Höllenschlund

HEUTE • 12:00 Uhr
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Wenn es bei Hunger schnell gehen soll, bereite ich mir liebevoll den Klassiker „das Wurstbrot“ zu. Ich präferiere es ohne Butter, dafür mit Frischkäse, darauf die Wurst und dann nochmals „echter“ Käse. In dieser Reihenfolge. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Abweichungen sind unerwünscht. Das sagt mein Kopf ebenso wie meine Brot belegende Hand. Ein ungeschriebenes Gesetz der Brotzubereitung lautet: zuerst die Wurst, dann der Käse. Alles andere öffnet den Höllenschlund und die Dämonen der Finsternis überschwemmen die Erde – oder so ähnlich.

Warum eigentlich? Wer hat das festgelegt? Und warum halte ich mich daran, als gäbe es irgendwo ein offizielles Belegungsprotokoll? Ich mache das seit Jahrzehnten so. Und ich lehne mich jetzt einmal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Außer meinen Kids, die im Laufe ihres jungen Lebens Brote in allen erdenklichen Zubereitungsvarianten gekostet haben – Nutellabrot mit Käse, wobei die Nutella auf den Käse gestrichen wurde, ist dabei mein absolutes kulinarisches Highlight –habe einige von uns nie ausprobiert, wie es wäre, den Käse revolutionär zuerst aufs Brot zu legen. Aus Angst vor … ja, wovor eigentlich? Geschmacklicher Irritation? Gesellschaftlichem Ausschluss? Dämonen? (siehe oben). Und damit war ich mitten drin im unhinterfragten Lebensrhythmus. Ich stehe auf, wenn ein Wecker klingelt, obwohl mein Körper noch verhandeln möchte. Ich trinke Kaffee, damit ich überhaupt erst in der Lage bin, höflich zu sein. Ich esse zu Uhrzeiten, die mir der Tag vorgibt, nicht der Hunger. Ich sage „passt schon“, obwohl es das nicht tut. Ich sage „eh klar“, wenn ich nichts verstanden habe. Und ab und an tue ich auch so, als hätte ich einen Witz besonders lustig gefunden.

Man kommt damit durch den Tag, ohne allzu oft ins Stolpern zu geraten. Hinterfragen kostet Energie. Routinen sparen sie. So wie das Wurstbrot. Ich habe kurz überlegt, das nächste Brot bewusst anders zu machen. Als Zeichen. Aber ich habe es gelassen. Manche Tage verlangen nicht nach Erkenntnis, sondern einfach nach einer angemessenen, unhinterfragten Jause. Also esse ich mein Brot wie immer. Und nehme mir vor, wenigstens manchmal zu fragen, warum ich Dinge so mache, wie ich sie mache. Nicht, um alles zu ändern. Nur um zu wissen, dass ich es könnte. Ich glaube, dann ist man wirklich frei in seinen Entscheidungen, wenn man sein Leben bewusst gestaltet, und bewusst auch Dinge beibehält.  Und wer weiß – vielleicht liegt morgen ein mit Toastbrot belegter Brie auf dem Tisch. Und als Nachspeise gibt’s drei Rollen Extrawurst.