Segelfliegen – Luftige Erinnerung Dinge zu hinterfragen

Ich gebe es zu: Segelfliegen hat sich mir nie ganz erschlossen. Also nicht das Fliegen an sich. Ich kann mir schon vorstellen, dass es seinen ganz speziellen Reiz hat – diese Nahtoderfahrung über den Wolken. Da wird man sicher eins mit sich selbst (das sind die Worte einer von Höhen- und Flugangst Gebeutelten). Aber das Prinzip Segelflug? Ein Flugzeug ohne Motor wird von einem Flugzeug mit Motor in die Luft gezogen, damit es dort dann ohne Motor weiterfliegt. Dann fliege ich doch gleich mit dem anderen Flugzeug, oder? Oder?
Nun ist es mit Dingen, die man nicht versteht, ja meistens so, dass sie deutlich weniger seltsam werden, sobald man sich fünf Minuten mit ihnen beschäftigt. Letztens beim Radfahren ist wieder einmal so ein weißes, langflügeliges Luftgefährt über mir geschwebt, hinten nach das Motorflugzeug, welches sich nach getaner Schlepparbeit zum Landeanflug bereit machte. Nachdem wieder einmal der „Also ich verstehe das nicht“-Gedanke aufflammte, wollte ich es genauer wissen.
Und tatsächlich ist die Geschichte dahinter ziemlich spannend. Segelflug gibt es schon richtig lange. Aber „gehörig“ Fahrt – oder besser gesagt Aufwind – nahm die Sache erst nach dem Ersten Weltkrieg auf. Deutschland durfte aufgrund der Bestimmungen nach dem Krieg nämlich keine Motorflugzeuge bauen und betreiben – die Gewinner des Krieges hatten da schlichtweg etwas dagegen. Fliegen wollte man aber trotzdem. Also wich man auf das aus, was nicht ausdrücklich verboten war: Flugzeuge ohne Motor.
Ab 1920 trafen sich dann erstmals auf der Wasserkuppe in der Rhön Flugbegeisterte und tüftelten daran, wie man möglichst lange den Himmel befliegen kann, nur mit Aufwinden, Querwinden und allen anderen Winden. Man segelflog durch die Luft und trotzte so dem Verbot. In die Höhe wurden die Flugzeuge damals wie mit einer Steinschleuder geschossen, mit Gummiseilen! Wirklich! Oder man ließ sie wie einen Drachen an einem Stahlseil in die Höhe steigen. Da wirkt das simple „von einem Hang hinunterrutschen“ fast schon langweilig.
Da fiel es mir wie Vogelfedern von den Augen, was hier für eine Kunst und Leidenschaft dahintersteckt.
Was mich wiederum zu einer unangenehm einfachen Erkenntnis bringt: Es ist offensichtlich bequemer, einfach etwas komisch zu finden, weil man es nicht versteht, als sich damit auseinanderzusetzen.
Memo an mich: Hinterfragen. Immer. Aber: Ich wäre schon wieder für einen Einsatz von Gummiseilen à la Steinschleuder! Das hätte so viel Charme!