Besser leben

Die Milch und ihre Konkurrenten

10.10.2021 • 12:00 Uhr
Nur die Kuhmilch darf Milch heißen. Alles andere muss als „Drink“ oder „Getränk“ deklariert werden.<span class="copyright">Shutterstock</span>
Nur die Kuhmilch darf Milch heißen. Alles andere muss als „Drink“ oder „Getränk“ deklariert werden.Shutterstock

Getränke aus Soja, Mandel & Co werden immer beliebter. Doch was können sie?

Das Milchregal hat sich verändert: Soja-, Hafer-, Mandel- oder Reis-Drinks haben es raus aus der Nische geschafft. Auf der Suche nach Veggie-Drinks braucht man nicht mehr ins Reformhaus oder in Bio-Läden zu gehen. Auch beim Regionalmarkt Sutterlüty hat man den Trend längst erkannt. „Milch-Alternativen erfreuen sich in der Tat einer steigenden Nachfrage. Deswegen haben wir auch unser Sortiment erweitert“, berichtet Sutterlüty-Marketingleiterin Michèle Garre. Die Nachfrage nach regionaler Milch sei in den Märkten aber nach wie vor ungebrochen. Es würden keine rückläufigen Absätze in diesem Bereich verzeichnet, heißt es.

Allerdings verträgt nicht jeder Organismus Kuhmilch. Andere wiederum greifen aus ethisch-moralischen Gründen – also den Tieren und dem Klima zuliebe – zur Veggie-Alternative. Doch ist Kuhmilch nicht gleich Kuhmilch, und nicht jeder Pflanzendrink ist ausgesprochen nachhaltig. Einen ersten Überblick im Milchalternativen-Dschungel gibt Ernährungsexperte Martin Rinderer vom Olympiazentrum Vorarlberg.

Martin Rinderer. <span class="copyright">Privat</span>
Martin Rinderer. Privat


1.  Darf Pflanzenmilch überhaupt Milch heißen?
Martin Rinderer:
Grundsätzlich darf nur Kuhmilch auch Milch genannt werden, darum heißen die Produkte offiziell laut Lebensmittelgesetz im Supermarkt „Drinks“ oder „Getränke“. Nur in Lokalen wird sie als „Milch“ deklariert und aktuell geduldet.

2. Kuhmilch ist Proteinlieferant. Welche Nährstoffe sind in Hafer-, Kokos-, Mandel-, Soja- und Reismilch enthalten?
Martin Rinderer:
Die Nährwertzusammensetzung ist natürlich abhängig von der Quelle und ist bei Hafer anders als bei Mandel. Beispielsweise werden Beta-Glucane – lösliche Ballaststoffe aus Hafer – mit Vorteilen für Herz und Immunsystem in Verbindung gebracht.

3. Werden auch Nährstoffe zugesetzt?
Rinderer:
Um einen genauen Standard bei solchen Produkten zu halten, müssen in den meisten Fällen Stoffe zugesetzt werden, da Naturprodukte immer natürlichen Schwankungen unterworfen sind. Diese sind in einem gewissen Rahmen gesetzlich auch zulässig. Im Fall von besagten veganen Milchalternativen wird häufig angereichert, auch zusätzlich. Etwa mit Vitamin D3 und A. Das kann allerdings auch positiv betrachtet werden, wenn gewisse Gruppen von Menschen Mängel aufweisen. Aber natürlich ist es nicht natürlich.

4.  Wie viel Zucker steckt in den Milchalternativen?
Rinderer:
Sehr unterschiedlich. Hafer enthält beispielsweise deutlich mehr Zucker als die anderen Alternativen und auch als Milch.

5. Wie ist es mit dem Kaloriengehalt?
Rinderer:
Mehr Zuckergehalt, mehr Fettgehalt oder mehr Proteingehalt bedeutet auch mehr Kalorien. Wobei vor allem der Proteingehalt am wenigsten ins Gewicht fällt – im wahrsten Sinne des Wortes.

6. Welche Argumente sprechen für einen Milchersatz?
Rinderer:
Pflanzendrinks sind lactosefrei, vegan und auch teils glutenfrei. Sprich, sie sind für manche Menschen verträglicher. Außerdem haben sie einen anderen Geschmack, wenn man Milch nicht mag. Daneben müssen Pflanzendrinks nicht gekühlt werden.

7. Welche dagegen?
Rinderer:
Milchalternativen weisen einen sehr hohen Wasseranteil auf, meist über 90 Prozent. Man transportiert also Wasser, das mit ein bisschen Mandel angereichert ist, über weite Strecken durch die Lande. Mandeln sind außerdem in der Ernte und Verarbeitung nicht unbedingt nachhaltig (Wasserverbrauch, Anm.). Es ist also nachhaltiger, Mandelmilch einfach selbst herzustellen, da der Transport wegfällt.

8. Lange galt Kuhmilch als gesund und Maß der Dinge, besonders als Kalziumquelle. Sind Milchprodukte tatsächlich so gesund?
Rinderer:
Milch ist nicht gleich Milch. Der Nährwert der Kuhmilch ändert sich stark mit dem Grad der Verarbeitung. Nährstofftechnisch wäre Rohmilch (unverarbeitet, Anm.) von artgerecht gehaltenen Kühen die gesündeste. Solche Produktionsbetriebe sind selten, weil die Milchmenge in diesem Fall drastisch fällt. Leider findet der Konsument Rohmilch hierzulande quasi nur noch auf der Alpe. Das hat lebensmittelrechtliche Gründe.

9. Was ist so gesund an Rohmilch?
Rinderer:
In der Rohmilch sind wertvolle Inhaltsstoffe, insbesondere Immunsubstanzen wie Lactoferrin und Immunglobuline enthalten. Diese regulieren und unterstützen das Immunsystem. Doch sie sind empfindlich gegenüber Temperatur oder pH-Wert-Verschiebungen. Sprich: Je weniger verarbeitet, desto besser. Eher zu regionaler Frisch-, Bio- oder Heumilch greifen.

10. Wir lautet Ihr Fazit?
Rinderer:
Qualität vor Quantität. Lieber weniger, dafür hochwertige Produkte. Das gilt für Kuhmilch(produkte) ebenso wie für Pflanzendrinks.

Milchersatz im Trend

Pflanzliche Milchalternativen sind in der Gunst der Verbraucher kräftig gestiegen. Konsumpsychologen verweisen auf ein gestiegenes Bewusstsein für Umwelt und Nachhaltigkeit. Die Pandemie habe das noch verstärkt.


Der Markt für Fleisch- und Milchalternativen beläuft sich auf ein Volumen von rund 12,1 Milliarden Euro, wie die Schweizer Bank Credit Suisse in einer Studie im Juni errechnete. Bis 2050 könnte sich das Marktvolumen demnach auf bis zu 1,21 Billionen Euro erhöhen. Über 600 Firmen, von Start-ups bis hin zu den größten Lebensmittelherstellern, forschen demnach an der Entwicklung pflanzlicher Lebensmittelalternativen.


Die Aktien des schwedischen Hafermilch-Giganten Oatly wurden beim Börsengang an der NASDAQ Ende Mai nicht nur an der obersten Zeichnungsspanne ausgegeben, sie legten auch direkt um 30 Prozent zu. 1,65 Milliarden Dollar flossen so an den Konzern und seine Anteilseigner – Geld für den Ausbau der Kapazitäten.

Seit einigen Monaten ergänzt ein Pflanzendrink aus Hafer das Schärdinger Produktsortiment. Die Vorarl­berg Milch als Hersteller von frischen und regionalen Milchprodukten erhebt keine speziellen Marktanalysen zu diesem Thema.