So lebendig klang Schuberts „Schöne Müllerin“ selten

Gemeinsam mit Kristian Bezuidenhout begeisterte der Tenor bei der Schubertiade mit einer ebenso frischen wie berührenden Interpretation.
Kann man eines der zentralen Werke des Schubertiadefestivals, den Zyklus „Die schöne Müllerin“, so singen, dass es so frisch wie ein klarer Bach, so herzzerreißend wie eine Oper und so schlicht wie ein einfaches Volkslied klingt? Julian Prégardien kann es, und Kristian Bezuidenhout ist ihm ein wunderbar facettenreich gestaltender Partner am Hammerflügel. Nach der gleichfalls so packenden Interpretation der „Winterreise“ im vergangenen Jahr mit Daniel Heide am Flügel folgt nun eine unglaublich nuancenreiche „Müllerin“, die das gebannte Publikum mitnimmt auf einer emotionsgeladenen Reise durch Höhen und Tiefen.
Legeres Outfit bricht die Strenge auf
So wie Julian Prégardien in weißem Hemd, heller Hose und Weste auftritt, bricht er das allzu Strenge des klassischen Liederabends auf: Er wird zum Müllersburschen, der sich optimistisch auf Wanderschaft begibt, sich verliebt und schrecklich enttäuscht wird. Immer wird er begleitet vom Murmeln und Rauschen des Baches, dem Kristian Bezuidenhout auf dem Hammerflügel mit Farben und Registern seine Stimme gibt: bald sanft, bald wild bewegt, tröstend und empathisch. Beide schmücken ihren jeweiligen Part mit feinen Verzierungen aus, mal mehr, mal weniger: Das klingt weich, nah an der Volksmusik, es belebt die zahlreichen Strophenlieder und schenkt fein differenzierte Beleuchtungen. Und obwohl die beiden Künstler, die den Zyklus auch schon auf CD eingespielt haben, so viel und so bewusst gestalten – ob in der Dynamik, in Fermaten und Pausen, im Hervorheben einzelner Worte oder im Wechsel von heldischer Kraft und weicher Kopfstimme – immer wirkt es vollkommen natürlich und berührend.

Julian Prégardien ist ein wunderbarer Erzähler, sein Müller ist eifrig, ratlos („Der Neugierige“), schüchtern zögerlich („Morgengruß“), naiv, berstend voll Tatkraft, zuletzt zerfressen von Wahn und Eifersucht. Immer wieder einmal tritt er zur Seite, um den Partner am Hammerflügel mit seinen vielen Farben in den Vordergrund treten zu lassen – etwa wenn Bezuidenhout die in sich kreisenden Figuren einer Laute imitiert oder wenn zuletzt nur noch die Stimme des Baches zu hören ist und im letzten Lied der ganze Zyklus zusammengefasst wird.
Das ist große Liedkunst, die neu belebt wird und in der feinsinnigen musikalischen Symbiose zu Herzen geht!
Katharina von Glasenapp