Bernhard Garnicnig: „Kunst, die keinen Zweck erfüllt, geht komplett unter“

Ein Institut ohne Forschungsbetrieb, ein Museum ohne Säle: Bernhard Garnicnig nutzt die Formen bestehender Institutionen, um deren Regeln zu hinterfragen. Nun wurde er ausgezeichnet.
„Vielleicht müsste es so aussehen, dass es eigentlich gar kein Kunstwerk ist.“ Mit diesem Gedanken bringt Bernhard Garnicnig einen wesentlichen Aspekt seines Schaffens auf den Punkt. Der 1983 geborene Bregenzer ist als Künstler gleichzeitig auch Forscher und Kurator. Statt Werke zu schaffen, die ausschließlich betrachtet werden sollen, entwickelt er Situationen, in denen neue Fragen entstehen. Sein bevorzugtes Medium scheint dabei das Mögliche zu sein. Für diese transdisziplinäre Arbeitsweise wurde Garnicnig nun mit einem auf 10.000 Franken dotierten Förderpreis der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) ausgezeichnet.

Fachhochschule Vorarlberg
Was er mit seiner eingangs zitierten Überlegung meint, lässt sich an der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn nachvollziehen. Dort steht eine Tür mit einem organisch anmutenden Griff und einem Schild, das auf das „Sporadische Institut“ verweist. Wer dahinter ein Forschungsinstitut vermutet, wird enttäuscht. Es existiert nicht. Zumindest nicht in der gewohnten Form. Das Institut besteht vielmehr aus dieser Tür, einem Kunstbuch in der Bibliothek und Sitzskulpturen, die auf dem Campus verteilt sind. Es ist ein Kunstwerk, das sich als selbstverständlicher Bestandteil der Hochschule tarnt.

Das zwischen 2020 und 2025 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Mathias Garnitschnig realisierte Kunst-am-Bau-Projekt geht auf die Renovierung des Campus zurück. Bei seinen Recherchen stieß Garnicnig auf frühere Kunstwerke, die innerhalb der Hochschule teilweise in Vergessenheit geraten waren. Manche konnte ihm nicht einmal die Hausverwaltung zeigen. „Das war ein super Indikator dafür, dass Kunst, die keinen Zweck erfüllt, komplett untergeht“, erzählt er im Gespräch mit der NEUE.

Also entschied er sich für das Gegenteil: Werke, die ihren Platz im Alltag finden. Auf den Sitzskulpturen seines Bruders können Studierende Platz nehmen, das Buch lässt sich in der Bibliothek konsultieren. Das Institut wiederum ist eine Art institutioneller Hochstapler. Es übernimmt die äußeren Merkmale einer wissenschaftlichen Einrichtung, ohne deren organisatorischen Regeln zu folgen.

Schöner Schmutz
Inhaltlich beginnt die Geschichte an der Fassade der Fachhochschule. Über Jahrzehnte hatten sich dort Pilze, Flechten, Moose und Algen angesiedelt. Für die bevorstehende Renovierung sollten diese Spuren verschwinden. Garnicnig hingegen wollte wissen, was sich hinter dem vermeintlichen Schmutz verbarg.

Er holte Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen hinzu. Sie untersuchten die Oberflächen, bestimmten Pilze anhand ihrer DNA und dokumentierten 34 Flechten- sowie 35 Moosarten. Selbst Schnecken hatten sich als Gestalter betätigt: Indem sie den biologischen Belag abweideten, hinterließen sie feine, an abstrakte Zeichnungen erinnernde Muster.

Ein Pilz namens Stagonosporopsis lieferte mit seinen rosafarbenen, flauschigen Fruchtkörpern die formale Anregung für die Sitzskulpturen. Der vermeintliche Dreck fand Eingang in ein Kunstbuch, dessen Einband Spuren der ursprünglichen Fassade trägt. Die wissenschaftlichen Untersuchungen werden darin mit Texten über Schmutz, Architektur und gesellschaftliche Ordnung ergänzt.

Widersprüche sichtbar machen
Dahinter steckt mehr als die Freilegung verborgener Schönheit. Garnicnig beschäftigt die Frage, weshalb eine makellos weiße Fassade als Ideal gilt, während ein lebendiges Ökosystem auf derselben Oberfläche als Verunreinigung betrachtet wird. Was sauber und was schmutzig ist, hängt schließlich auch von gesellschaftlichen Vorstellungen ab. Die Renovierung beseitigte den Bewuchs, der das Kunstprojekt überhaupt erst ermöglicht hatte. Ein Widerspruch, den Garnicnig nicht auflösen, sondern sichtbar machen will.

Die Idee, bestehende Ordnungen gegen den Strich zu bürsten, beschäftigt ihn nicht erst seit dem Projekt in Dornbirn. Nach einer Lehre als Mediengestalter studierte Garnicnig von 2005 bis 2011 Digitale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Peter Weibel und Ruth Schnell. Parallel dazu besuchte er 2008 und 2009 Lehrveranstaltungen an der Akademie der bildenden Künste bei Constanze Ruhm und Monica Bonvicini. Schon während der Studienzeit betrieb er mit anderen einen unabhängigen Kunstraum. Die Erfahrung, nach Veranstaltungen regelmäßig die Toiletten reinigen zu müssen, ließ ihn allerdings an der Attraktivität eines eigenen Ausstellungsraums zweifeln.
Digitale Kunstsammlung
Ein Museum ohne Ausstellungsräume war die Konsequenz. 2014 stieß er in der Wiener Löwengasse auf das Palais des Beaux Arts, dessen Name eine Kunstinstitution vermuten lässt. Statt Kunstwerken fand er dort jedoch Büros und Botschaften vor. Die Frage nach dieser Diskrepanz führte ihn zur Geschichte des 1908 errichteten Hauses, die von Arisierung, Deportation und gescheiterter Restitution geprägt ist. Kurzerhand gründete der Künstler eine digitale Kunstsammlung, für die er über Jahre Künstler und Autoren mit Arbeiten beauftragte. Zu sehen waren diese zunächst ausschließlich über einen WLAN-Router im Gebäude. Das Palais erhielt damit ein Museum, das keinen einzigen Ausstellungssaal benötigte und zugleich seine eigene Geschichte zum Gegenstand machte. 2020 wurde die digitale Sammlung von der Stadt Wien angekauft.
Bregenz Biennale
Die Frage, welchen Platz Kunst einnehmen kann, beschäftigt den Wahl-Wiener auch in seiner Heimatstadt. Gemeinsam mit Albert Allgaier rief er 2012 die Bregenz Biennale ins Leben. Seit 2018 wechseln sich die beiden mit der künstlerischen Gestaltung ab. Die Biennale verstehen sie als Möglichkeit, immer wieder neue Gegenentwürfe zu etablierten Kulturveranstaltungen zu entwickeln. Kritisch sieht er, dass sich Bregenz zwar erfolgreich als Kulturstadt vermarktet, es aber an Räumen mangelt, in denen Kunstschaffende tatsächlich arbeiten können.