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Der Mann, dem die Bäume Spalier stehen

08.08.2020 • 19:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Mann, dem die Bäume Spalier stehen
Stiplovsek

Peter Sauer stammt aus dem Oberallgäu, wurde Obstgärtner und Umweltpädagoge.

Peter Sauer ist in einem Selbstversorgergarten großgeworden. Auf Du und Du mit Regenwürmern, Schnecken und viel frischem Obst und Gemüse. „Als Kind habe ich gesagt: ,Ich werd’ Bauer!‘ Eine landwirtschaftliche Lehre habe ich dann doch abgebrochen und stattdessen in einem biologischen Fruchtsaftbetrieb am bayerischen Ammersee Obstgärtner gelernt.“ Der Betrieb allerdings war auf Produktion angelegt, „viel Maschinenarbeit und für die Masse. Das war auf die Dauer nichts für mich“, erklärt Sauer. Er wollte mehr mit Menschen zu tun haben. „Also habe ich ein Studium in Umweltpädagogik drangehängt, in Wien.“

Umzug nach Vorarlberg

In der Bundeshauptstadt blieb Sauer zehn Jahre, bevor es ihn und seine junge Familie nach Vorarlberg gezogen hat, zurück zu mehr Natur, nach Sibratsgfäll. „Das ist für uns erst mal eine Riesenumstellung, aber wir sind hier im Dorf sehr nett aufgenommen worden“, sagt der Deutsche.

In Sibratsgfäll war sein erstes Projekt die Gestaltung des eigenen Hausgartens. Mit seiner Partnerin ließ er einen Permakulturgarten entstehen – einen Nutzgarten, orientiert an natürlichen Ökosystemen. „Eine meiner Leidenschaften ist die Obstsortenvielfalt. Daher habe ich hier mit als erstes eine Apfelbaumhecke gepflanzt. Ich werde alte, seltene Sorten aufpfropfen, sodass ich am Ende 40 verschiedene Apfelbäume habe. Dann kann ich sehen, was hier auf beinah 1000 Metern Seehöhe am besten wächst.“ Eine Versuchsreihe direkt am Haus, die jeder Thujenhecke die Show stiehlt. Davor wachsen Mais, Kürbis und Bohnen, weiter oben Starkzehrer wie Kohl, Tomaten und Kartoffeln. Weiter hinten folgen die Komposthaufen – drei an der Zahl: ein alter, ein mittelalter und ein neuangelegter. „Der alte hat immerhin innen noch eine Temperatur von 35 Grad, der ganz neue ist innen bis zu 70 Grad heiß. Diese Heißrottekompostierung macht sich den enormen Appetit der Mikroorganismen zunutze, die die Kompostbestandteile zersetzen und in immer kleinere Teile abbauen. Heraus kommt, wenn man es richtig macht, wunderbar nach Wald duftende Erde, des Gärtners schwarzes Gold.“

Der Mann, dem die Bäume Spalier stehen
Stiplovsek

Keine Frage, Peter Sauer ist in seinem Element. Sein fundiertes, praxisnahes Fachwissen gibt er gerne in Kompostierworkshops weiter. Hier lernen die Teilnehmer, im eigenen Garten Küchen- und Gartenabfälle zu wertvollem Humus zu veredeln.

Zuhause für Igel und Gartenvögel

Weiter hinten im Garten an einer Grundstücksgrenze verläuft ein etwa fünf Meter langer Zaun, allerdings kein gewöhnlicher: Zwischen jeweils zwei in den Boden gerammten Ästen sind abgestorbene Zweige sauber aufgestapelt. Eine braune Wand aus Totholz, eine sogenannte Benjes-Hecke. „Vielleicht nicht jedermanns Geschmack“, gibt Sauer gerne zu. „Manchem allerdings gefällt die Naturnähe und dass sich hier auch Igel und Gartenvögel einnisten können“, und so hat Sauer diesen Lebensraum Zaun schon in manchem Garten errichtet.

Sein neuestes Projekt ist seine eigene Baumschule, die er in Sibratsgfäll unten am Hang aufbaut. Er will Obstbäume und Wildgehölze großziehen, die im rauen Gebirgsklima des Bregenzerwalds zuverlässig gedeihen. Stichwort regionale Lebensmittelerzeugung. Dazu kooperiert er mit dem Biobauern Markus Dorner vor Ort, der ihm die Fläche zur Verfügung gestellt hat. Das neue Schild ist gerade fertig, die ersten Bäume stehen schon Spalier. Ringsum bimmeln aus der Ferne Kühe und Schafe. Sauer steht lächelnd vor Prinzenapfel, Boskoop und Allgäuer Kalvill und zeigt die ersten Äpfel. „Das ist mein täglicher Arbeitsplatz“, sagt er und blickt in die Weite.

Vielseitig und abwechslungsreich

In Wahrheit ist er zwar regelmäßig in der Baumschule und veredelt auf Wunsch seiner Kunden deren Obstsorten auf eine neue Unterlage oder spannt Drähte gegen den winterlichen Schneedruck. Aber seine Arbeit ist vielseitig und mit ihr auch sein Arbeitsplatz. An manchen Tagen ist er in den Gärten seiner Kunden unterwegs, und wenn es die Zeit zulässt, erkundet er mit seinem Hund die Hausberge. Sein Ziel: Er möchte so lange veredeln und großziehen, bis er die perfekten Obstsorten für hohe Lagen gefunden hat, zu deren Verbreitung er beitragen will.

Obstbaumhecke statt Thujahecke, Totholzzaun statt Bretterzaun – der Wahlvorarlberger denkt gerne innovativ. Verschiedenste Obstbäume in dieser Höhe zu pflanzen – auch damit ist er Vorreiter. Aber er ist sich sicher: Es wird sich herumsprechen. Bis dahin wird er Menschen die wilde Natur und die Natur ihres Gartens nahebringen. Er wird Kurse zum richtigen Obstbaumschnitt geben, Privatgärten pflegen und Tipps bei der Anlage von Naturgärten geben: Was gedeiht in Hanglage, bei Nordwind oder an der warmen Hauswand am besten?
Sein Unternehmen wird gedeihen und wachsen. Genau wie auch Peter Sauer ständig dazulernt und ein Netzwerk aufbaut, das er ebenso sorgfältig pflegt wie seine Bäume.