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Für ein vielfältigeres Vorarlberg

07.07.2022 • 19:52 Uhr
Im Landhaus wurde der Aktionsplan präsentiert. <span class="copyright">HARTINGER</span>
Im Landhaus wurde der Aktionsplan präsentiert. HARTINGER

Ein Aktionsplan soll Vorarlberg zu einem lebenswerten und diskriminierungsfreien Lebensraum für Mietglieder der LGBTQ*-Gemeinschaft machen.

Der Aktionsplan der Vorarl­berger Landesregierung hat zum Ziel, Chancengleichheit und Diskriminierungsfreiheit unabhängig von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität in Vorarl­berg zu ermöglichen. Dieser Aktionsplan wurde in der Regierungssitzung einstimmig als Zeichen gegen Diskriminierung beschlossen, wie Landesrätin Katharina Wiesflecker am Mittwoch bekannt gab. Dieser Plan ist im Bezug auf den Auftrag entstanden, der aus der im Juni 2021 verabschiedeten Entschließung „Vorarlberg steht zusammen – Wir geben Diskriminierung keine Chance“ hervorgeht.

In den Problemfindungsprozess wurden mehrere verschiedene Gruppen miteinbezogen. Durch eine Online-Umfrage im Februar, an der jeder teilnehmen konnte, und die Einbindung von Experten und Expertinnen und Vertreter und Vertreterinnen der LGBTIQ*-Community in den Prozess, wurden drei Handlungsfelder für den Aktionsplan herausgearbeitet. Grundlage dafür waren unter anderem die 181 Antworten von 113 Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Umfrage. Die im Aktionsplan angeführten Ziele möchte die Landesregierung in dieser Legislaturperiode, also in den nächsten zwei Jahren, umsetzen. Eines der Handlungsfelder ist der diskriminierungsfreie Sprachgebrauch, sowohl in der Landesverwaltung als auch nach außen. Zudem wird eine Wissensvertiefung und ein vermehrtes Beratungsangebot anvisiert, wie auch der Zugang zu psychotherapeutischer Unterstützung und Beratung. Jetzt seien alle gefordert, den Plan auch umzusetzen, so Wiesflecker. „Das Papier ist nur so gut, wie es in der Umsetzung gelingt.“

Outing und Selbstfindung

Einer dieser im Aktionsplan angeführten Punkten, ist der Aufbau von Anlaufstellen und eines Beratungsnetzwerks. Dabei liegt ein Fokus auf Peer-Beratung.

Eine solche Beratungsmöglichkeit bietet derzeit beispielsweise schon GoWest an, ein Verein für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans, Inter und Queer mit Sitz in Bregenz. Den Verein erreichen bis zu fünfzehn offizielle Beratungsanfragen im Monat. Die ehrenamtlichen Mitglieder werden jedoch im privaten Umfeld täglich mit Anliegen bezüglich LGBTIQ-Themen konfrontiert. Darunter sind Fragen zum Coming-out, Selbstfindung, Lables und sozialer und medizinischer Informationen, wie zu Geschlechtsangleichungen. Der Ursprung für das fehlende Wissen beginnt schon im jungen Alter. In der Sexualkunde in der Schule und in den besuchten Aufklärungsworkshops werden nämlich sexuelle Orientierungen abseits der Heteronormativiät selten erwähnt oder teilweise als etwas Andersartiges dargestellt, so Philipp Vetter von GoWest. Im pädagogischen Bereich sieht er deshalb Handlungsbedarf. Ein frühes Heranführen an das Thema sei durch eine intersektionale Repräsentation durch Illustrationen in Vorlesebücher zum Beispiel möglich. Der Problembereich Schule wird auch im Aktionsplan angeführt, da die durchgeführte Umfrage negative Erlebnisse im Schulalltag aufzeigt. Lehrkräfte sollen deshalb für die geschlechtliche Vielfalt und die sexuellen Orientierungen sensibilisiert werden und LGBTIQ-Themen in den Unterricht integriert werden. Diese Berücksichtigung der Themen in der Bildung ist laut dem Papier eine Voraussetzung für das Durchsetzen der Gleichstellung und Toleranz in der Gesellschaft.

Hindernisse im Alltag

Neben fehlender Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit sind auch Diskriminierungserfahrungen im Alltag, in der Familie, der Schule oder auf Ämtern und im Gesundheitswesen ein Problem, wenn LGBTIQ-Personen als solche identifiziert werden. Beispielsweise dürfen Homosexuelle erst ab Herbst dieses Jahres in Österreich Blut spenden. Auch die präsentierte Umfrage hat zum Ergebnis, dass viele LGBTiQ-Personen in Vorarl­berg mit Diskriminierung konfrontiert werden.

„LGBTIQ-Menschen werden im Alltag diskriminiert oder stark eingeschränkt“, berichtet auch Vetter. Dies äußere sich beim täglichen Gedankenmachen von LGBTIQ-Personen bei der Wahl der Kleidung oder beim Entscheiden, ob der gleichgeschlechtliche Partner oder die Partnerin in der Öffentlichkeit zur Begrüßung geküsst werde. Diskriminierungserfahrungen reichen von Blicken und Wortmeldungen bis zur Angst vor körperlichen Übergriffen. Letztere seien in letzten Jahren jedoch zum Glück weniger geworden, so Vetter. Genau so eine körperliche Attacke war neben zerstörerischen Angriffen auf Regenbogenflaggen Auslöser für die Entstehung des Aktionplans.

Mit dabei im Landhaus war Lilith Blenk. <span class="copyright">HARTINgeR</span>
Mit dabei im Landhaus war Lilith Blenk. HARTINgeR

Wie GoWest hat auch Lilith Blenk, Obfrau vom Christopher Street Day Pride Vorarlberg, den Prozess begleitet. Außerdem organisiert sie die CSD Pride, die im September in Bregenz stattfindet. Auch sie weist auf das fehlende Unwissen in der Bevölkerung hin. Während zwar noch Wissen über Homosexualität vorhanden sei, überschreite das Thema Intergeschlechtlichkeit die Vorstellungskraft von vielen.
Die 49-Jährige erlebt auf ihr auffälliges Aussehen und ihre tiefere Stimme öfters Reaktionen, wie Hinterherrufen. Sie selbst wurde physisch als Mann geboren, wusste aber immer schon, dass sie sich als Frau identifiziert. Für sie war der Weg einer Operation deshalb alternativlos für ein glückliches Leben.
Aufgrund solcher Erfahrungen fordert die Community „Safe Spaces“, also leicht zugängliche diskriminierungsfreie Orte für LGBTIQ-Personen. Solche Treffpunkte werden auch im Aktionsplan als Forderung angeführt. Laut GoWest gibt es zwar jetzt schon solche von Organisationen zur Verfügung gestellte Räume, jedoch würden damit nicht alle Zielgruppen abgedeckt werden. Im Aktionsplan wird als Lösungsansatz die Auszeichnung „LGBTIQ-freundliche Gastronomie“ und gezielte Veranstaltungen für die Community vorgeschlagen. Das soll Begegnung ohne Diskriminierung ermöglichen.