“Wir werden da sein, wenn’s drauf ankommt”

In einem Gastbeitrag blickt der zweifache Olympiamedaillengewinner Thomas Steu auf die Winterspiele voraus.
Das interne Qualifikationsrennen für Cortina verläuft enger als erhofft, aber wenn es um Olympiastartplätze geht, werfen eben alle alles in die Waagschale. Darum sind Wolfgang Kindl und ich gar nicht so überrascht, dass wir um unser Cortina-Ticket kämpfen müssen. Nicht einfacher macht es natürlich, dass wir in diesem Winter bislang schlechter drauf sind als in den vergangenen beiden Jahren, als wir den Gesamtweltcup und bei Welt- und Europameisterschaften viele Medaillen holten, gleich drei davon in Gold.
Während der Saisonvorbereitung haben Wolfi und ich uns sehr wohl gefühlt. Wir dachten eigentlich, dass uns bei der Materialabstimmung mit unserer neu entworfenen Schiene ein großer Wurf gelungen ist – und auch nur noch minimale Veränderungen nötig wären. Beim ersten Qualifikationsrennen in Cortina lief es Gott sei Dank ja auch noch sehr gut, da haben wir teamintern den ersten Platz belegt. Aber schon beim ersten Weltcuprennen, das aufgrund der Bahnprobleme von Igls nach Winterberg verlegt werden musste, haderten wir mit dem Materialsetup. Womit wir so nicht gerechnet hatten. Wenn es nicht läuft, ist die Gefahr groß, dass du dich verzettelst. Du tüftelst in solchen Situationen oftmals zu viel am Material herum, versuchst, schnelle Fortschritte zu erzwingen und verschlimmerst damit eher die Situation. Denn auf unserem Niveau ist die Luft so dünn: Da gibt es im Normalfall keine schnellen Lösungen.
Jetzt sind wir auf einem guten Weg beim Material. Wobei wir am vergangenen Wochenende in Sigulda noch mit der Sicherheitsvariante gefahren sind. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Ein schlechtes Resultat hätte uns wirklich unter Druck gesetzt.

Umstellung
Unser Problem beim Material war vielschichtig. Unsere im Sommer entworfene neue Schiene ist voll und ganz auf die Olympia-Bahn in Cortina und die dortigen Verhältnisse ausgerichtet. Beim Qualirennen in Cortina lief die Schiene, auch in Winterberg bis zum Rennen – dann ist es wärmer geworden, unsere Schiene für Olympia ist jedoch klar auf kältere Bedingungen ausgelegt. Uns war daher schon bewusst, dass unser Olympia-Setup nicht auf allen Bahnen und bei allen Witterungen gleich gut funktionieren wird. Aber die Schwankungen waren zu hoch und die Tendenz nicht positiv. Wir haben dann vor den USA-Rennen in Salt Lake City und Lake Placid zusammen mit unserem Trainer beschlossen, wieder mit dem Setup aus der Vorsaison zu fahren. Aber auch so eine Umstellung braucht Zeit.
Die Plätze fünf und sieben waren daher voll in Ordnung, und auch der siebte Platz in Sigulda war in Anbetracht unserer Materialprobleme wirklich respektabel, zumal mir die Bahn in Lettland noch nie gelegen ist. Dafür also, dass es bei uns mit dem Material eigentlich so schlecht gelaufen ist, haben wir von den Ergebnissen her eigentlich eh noch ganz gut abgeschnitten. Das stimmt uns optimistisch. Wenn du mit einem unpassenden Material zwei Mal nur ungefähr ein Zehntel hinter dem Podest liegst, dann weißt du, dass mit dem richtigen Material alles möglich ist.
Dieses Wochenende sind wir wieder in Winterberg. Wir steigen dabei wieder auf unsere neue Schiene um, mit der wir mehr Speed generieren können. Wir haben bei der Feinabstimmung einiges adaptiert, nachdem Wolfi und ich uns während den Weihnachtspause überlegt haben, welche Details wir verändern müssten. Der Schlitten war zu instabil, wir sind zu viel geschlittert. Wir haben deshalb die Aufhängung noch einmal um Nuancen verstärkt. Der Schlitten ist damit ein Stück weit stabiler, das Fahrverhalten wird von Lauf zu Lauf besser. Darum sind wir sehr optimistisch.

Lieber jetzt, als später
Obwohl wir also mit Problemen in die Saison gestartet sind, würde ich es wieder so machen, dass wir im Sommer auf eine neue Schiene umsteigen. Die Schiene funktioniert in Cortina, dass Korrekturen nötig wurden, war bitter, keine Frage. Aber wir haben uns mit dem Materialumstieg im Sommer erspart, im Laufe der Saison ein völlig neues Setup entwickeln zu müssen: Das wollten wir unbedingt vermeiden. Denn diese Materialtests sind aufwendig und stressen einen während der Saison gewaltig. Da ist mir viel lieber, ein Setup während des Winters weiterzuentwickeln, das braucht zwar auch seine Zeit, aber du fängst nicht bei null an. Wenn du da keine konstanten Fortschritte erzielst, wird’s nämlich wirklich brenzlig.
Mir kommt in unserer jetzigen Situation wahrscheinlich auch zugute, dass ich keiner bin, der die Nerven wegschmeißt. Klar, Platzierungen auf den Rängen fünf und sieben sind jetzt nicht das, was wir gewöhnt sind. Aber es ist noch gar nichts verloren. An diesem Wochenende in Winterberg und kommende Woche bei der EM in Oberhof müssen wir eben zeigen, was wir drauf haben. Ich habe auch überhaupt keine Zweifel, dass uns das gelingen wird.
Wir wissen sehr genau, was wir können – und lieber habe ich die Materialprobleme zu Beginn der Saison als unmittelbar vor Olympia. Es braucht sich also niemand Sorgen um uns zu machen. Wir werden da sein, wenn’s drauf ankommt.