Sport

Rädler vertraute darauf, dass alles gut wird

24.01.2026 • 22:06 Uhr
Rädler vertraute darauf, dass alles gut wird
Ariane Rädler blickt mit viel Vorfreude auf die Spiele: Sie will zeigen, was sie kann. Dietmar Stiplovsek

Ariane Rädler hat sich zum zweiten Mal für die Olympischen Spiele qualifiziert. Damit hat sie ein Versprechen eingelöst, das sie sich nach Peking 2022 gegeben hat.

Der Terminkalender von Ariane Rädler ist aktuell übervoll. Dass sich ein Treffen im Olympiazentrum in Dornbirn arrangieren lässt, ist fast nur ein Zufall. Rädler wartet im Eingangsbereich auf das NEUE-Team. „Geht es euch gut?“, fragt die Head-Läuferin aus Möggers, während wir uns zu einem Besprechungszimmer aufmachen. Die Skirennläuferin hatte am Dienstag ihren 31. Geburtstag und war auch deshalb für ein paar Stunden im Land. Glückwünsche für die Olympia-Qualifikation nimmt Rädler noch etwas verhalten an. „Offiziell ist es ja noch nicht, ich möchte da meinen Trainern und dem ÖSV nicht vorgreifen“, sagt die 31-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln.

Rädler vertraute darauf, dass alles gut wird
Rädler als Zwölfjährige bei den Schülermeisterschaften in Brand. NEUE-Archiv

Werdegang
Dass die Leiblachtalerin in Cortina dabei ist, ist allerdings ein offenes Geheimnis: Rädler ist seit ihren konstanten Platzierungen zu Saisonbeginn mit den Rängen elf, zehn und acht praktisch seit Wochen gesetzt für die Spiele. Womit sich mit ihrer zweiten Olympia-Teilnahme ein zweites Mal ihre Kindheitsträume erfüllen. „Ich bin durch meine Eltern schon als ganz kleines Kind Ski gefahren. Mein Papa war Trainer beim Skiclub Möggers, mein älterer Bruder Riccardo ist Rennen gefahren und hat mir meinen späteren Weg so ein bisschen vorgelebt. Wir hatten damals für so ein kleines Dorf wie Möggers einen starken Kader, ich war sehr ehrgeizig, so hat das eine das andere ergeben.“
Rädler besuchte die Skihauptschule in Schruns-Tschagguns und wechselte danach an die Skihandelsschule nach Stams. Ihr erstes Vorbild war Marlies Schild. Denn ursprünglich war die heutige Speedspezialistin eine Technikerin. Aber nach ihrem zweiten Kreuzbandriss Anfang 20 klappten die schnellen Slalomschwünge nicht mehr auf Anhieb. Und Zeit hat man beim ÖSV nach einer Reha eigentlich kaum, um wieder in die Spur zu kommen, denn die Konkurrenz ist groß. „Manchmal frage ich, wie alles gekommen wäre, wenn ich weniger Verletzungen gehabt hätte oder mein erster Kreuzbandriss zumindest später passiert wäre“, lässt die ÖSV-Läuferin tief blicken, die im Verlauf ihrer Karriere vier Kreuzbandrisse und über Jahre hinweg auch immer wieder andere Verletzungen hatte.
„Mein Problem war, dass ich noch nicht etabliert war. Wenn ich von einer Verletzung zurückgekommen bin, musste ich um meine Startplätze kämpfen, und wenn du bei einem Comeback sofort ans absolute Limit musst, ist das Risiko höher, dass gleich wieder etwas passiert.“ Zwischen Februar 2015 und März 2016 erlitt sie erst eine Knöchelverletzung und zwei Kreuzbandrisse. „Dass ich es trotzdem so weit gebracht habe, ist eigentlich schon erstaunlich“, bringt es Rädler mit einem Mollton in ihrer Stimme auf den Punkt. Zumal sie eben noch zwei weitere Kreuzbandrisse hatte.

Ariane Rädler Sebastian Manhart Sportservice Vorarlberg
Das Bild zeigt Rädler bei einer ihrer vielen Rehas. NEUE-Archiv

Kämpferin
„Nach dem vierten Kreuzbandriss im Dezember 2019 bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr wusste, ob ich weitermachen will. Das ständige Kämpfen hatte mich müde gemacht, und so ein bisschen fehlte mir auch die Hoffnung, dass meine Karriere noch eine positive Wendung nimmt. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich noch so viel erreichen würde als Skirennläuferin.“ Rädler entwickelte sich zur konstanten Top-Ten-Läuferin, fuhr zwei Mal aufs Podest, qualifizierte sich 2021 und 2025 für die WM und 2022 für Peking, die WM 2023 verpasste sie wegen einer Beinverletzung.
Ihr Durchhaltevermögen macht die 31-Jährige zum Vorbild, auch wenn sie selbst eine andere Wahrnehmung hat: „Als Athlet siehst du eigentlich immer nur bei den anderen, wie sie Stärke nach Rückschlägen beweisen. Erst wenn man wirklich bewusst einmal darüber nachdenkt, wie viele Verletzungen und Hindernisse man schon überwunden hat, werden einem die eigenen Kämpfer-Qualitäten klar.“
Jüngster Auslöser für dieses Bewusstwerden war, als sie von der NEUE zur NEUE-Sportsfrau des Jahres 2025 gewählt wurde. „Die Ehrung hat mich sehr gefreut, als ich den Artikel gelesen habe, ist mir klar geworden, dass ich ein bisschen stolz auf mich sein darf. Und natürlich ist es sehr schön und wertvoll, wenn einem andere Anerkennung schenken. Vielleicht kann ich ja für manche ein Vorbild sein, die auch kämpfen müssen in ihrem Leben. Aufgeben gilt nicht.“

Rädler vertraute darauf, dass alles gut wird
Rädler schaffte es schon 2022 zu den Winterspielen. APA

Kein Umweg mehr
Rädler wird nicht als Favoritin nach Cortina fahren, aber sie gehört zu jenen zehn oder gar mehr Läuferinnen, denen an einem guten Tag alles zuzutrauen ist. Bislang war sie bei Großereignissen zu verkrampft, deshalb sagt sie: „Wenn ich in Cortina am Start stehe, möchte ich eine gewisse Lockerheit spüren.“ In Peking hätte sie aufgrund der Coronaeinschränkungen und der Angst, sich kurz vor den Rennen anzustecken, recht wenig Spaß empfunden. Und Spaß sollte eigentlich gerade bei so einem Großereignis die Triebfeder für das eigene Tun sein, schließlich hat man die gesamte Karriere hinweg auf diesen Zeitpunkt hingearbeitet. Olympia soll keine Plagerei, sondern der reizvollste Wettkampf überhaupt sein. Und schließlich ist Rädler Skirennläuferin geworden, weil ihr das Rennlaufen Freude macht. „Alle haben mir immer vom Flair der Olympischen Spiele vorgeschwärmt, wie einzigartig das Erlebnis sei, davon habe ich in Peking nur wenig erlebt. Danach habe ich mir gesagt, dass ich 2026 in Cortina erneut dabei sein will, um die Spiele anders wahrnehmen zu können und mit einem guten Gefühl zu starten.“ Sehr optimistisch stimmt Rädler vor allem auch, dass sie in den vergangenen vier Jahren große Entwicklungsschritte gemacht hat. Sie ist viel konstanter und routinierter geworden.
„Ich konnte bei einem Großereignis noch nicht zeigen, was ich drauf habe“, verweist die Head-Läuferin auf ihre Platzierungen 16, 17, 20 und 21 und betont: „Bei Olympia zählen nur die Plätze eins, zwei und drei.“ Das stimmt freilich, und doch hat nicht jeder Athlet enttäuscht, der ohne Medaille heimkehrt, ansonsten wäre die Zahl der glücklichen Rückkehrer sehr gering. Cortina hat sich jedenfalls zum absoluten Lieblingsrennen von Rädler entwickelt. „Cortina ist unser Kitzbühel“ ordnet die Weltklasseläuferin ein, „die Strecke ist sehr anspruchsvoll, die Kulisse ist durch die Dolomiten atemberaubend. Ich mag auch den Ort.“ Beste Voraussetzungen also, bei diesen Spielen für ein persönliches Ausrufezeichen zu sorgen.
Rädlers Olympia-Tasche wird übrigens gar nicht so groß ausfallen. „Ich bleibe noch im Konjunktiv, aber wenn ich dabei bin, will ich es entspannt angehen. Dazu gehört auch, nicht zu viele Dinge mitzunehmen.“ Die Eröffnungsfeier in Mailand wird auf jeden Fall ohne die Vorarlbergerin stattfinden, dafür ist die Distanz zwischen Cortina und Mailand mit rund 400 Kilometern viel zu groß. „Du kannst nicht jahrelang auf die Regeneration Rücksicht nehmen, immer darauf achten, dass du nicht zu lange im Auto sitzt und dann ausgerechnet bei den Spielen eine so weite Autofahrt auf dich nehmen, nur, um bei der Eröffnungsfeier dabei zu sein. Natürlich ist es ein Stück weit schade, so einen Moment zu verpassen. Aber das wäre unprofessionell.“ Rädlers Weg zu den Spielen war viel zu weit, um auf den letzten Metern noch einen Umweg zu machen.

Rädler vertraute darauf, dass alles gut wird
Die Skiweltcup-Läuferin im Gespräch mit der NEUE. Dietmar Stiplovsek

Stark geblieben
Kommende Woche steht in Crans Montana noch ein Speedwochenende an, dort will sie nach zwei für die ÖSV-Speeddamen schwierigen Weltcupstationen Schwung für die Winterspiele aufnehmen. In den nächsten Stunden wird Rädlers Olympia-Nominierung offiziell. Und ganz egal, was dann in Cortina passiert: Rädler ist schon jetzt eine Gewinnerin. Denn sie hat immer weitergemacht, selbst in jenen Augenblicken, in denen die Zweifel überwogen. Ihr Trick war, auch dann auf ihrem Weg einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen und darauf zu vertrauen, dass die Hoffnung und der Glaube schon irgendwann zurückkehren würden. Darum kann man vor Ariane Rädler nur den Hut ziehen.