Mit dem Schlusspfiff brachen alle Dämme

Am Donnerstag verwandelte sich nach dem Schlusspfiff die Sun-Minimeal-Arena in ein grün-weißes Jubelmeer. Eine exklusive NEUE-Reportage von Austria Lustenaus Meisterfeier mit sehr privaten Einblicken.
Donnerstag, 19.03 Uhr in der Sun-Minimeal-Arena. Seit elf Minuten ist Austria Lustenau Meister, seit elf Minuten sind die Grün-Weißen in die Bundesliga aufgestiegen. Seit dem Schlusspfiff säumen viele Fans, vor allem von der Nordtribüne, dort, wo die Treuesten der treuen Austrianer stehen, das Spielfeld. Und so herrscht nach dem friedlich-euphorischen Platzsturm ein kunterbuntes Tohuwabohu auf dem Rasen. Es ist so ein bisschen, wie das bis vor ein paar Jahren zu Silvester mit den vielen Feuerwerken in der unmittelbaren und ferneren Nachbarschaft war: Wir als NEUE-Team wissen gar nicht so recht wohin mit dem Blick, wohin mit der Kamera, so viel passiert rund um uns. Es ist das erste Mal, dass Austria Lustenau den Aufstieg zu Hause fixiert, 1997 war man in Steyr, 2022 in Horn aufgestiegen.




Bösch mit Tränen
Die Platzmitte ist eine einzige Menschentraube. Da feiern die Fans, dort sind die Verantwortlichen erleichtert und glücklich zugleich und überall auf dem Platz verstreut die Spieler, die miteinander jubeln, mit Fans für Fotos posieren und bereits das Meistershirt tragen. An der Seitenauslinie stehen Markus Mader und einige Spieler für TV-Interviews zur Verfügung, aber hier mitten in diesem Freudentaumel ist an Interviews gar nicht zu denken.
Dass alle glücklich und stolz sind, dafür braucht es keine Worte, vielmehr sind es die kleinen Begebenheiten und flüchtigen Begegnungen, die Eindruck machen. Wie, als uns der inzwischen pensionierte ehemalige Austria-Vorstandssprecher Bernd Bösch über den Weg läuft. Er umarmt uns, ist sprachlos. Bösch hat Tränen in den Augen, so überwältigt, glücklich, demütig, emotional ist er. Der Mann, der von der NEUE im Jänner für sein Lebenswerk bei der Austria geehrt wurde, ist zwar seit Jänner nicht mehr im Amt, hat aber einen riesengroßen Anteil daran, dass die Grün-Weißen zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren in die Bundesliga aufgestiegen sind. Und das in einem neuen Stadion, das der Szenerie einen prächtigen Rahmen bietet.


Durchsage
Jetzt ertönt eine Durchsage: Ein Austria-Fan ist am Mikrofon und plädiert an die seinigen, dass sie den Mittelkreis frei machen sollen, da dort jetzt gleich die Meisterehrung stattfinden soll, schließlich gilt es noch, die Meisterbühne aufzubauen, was bei dem Menschenandrang unmöglich ist. Tollkühn bittet er die Fans sogar, zurück auf die Tribünen zu gehen, dieser Aufforderung kommen überraschenderweise durchaus einige nach. Derweil machen große Bierkrüge die Runde, die ersten Schlucke des Meisterbiers rinnen die Kehlen der Austrianer hinunter: Stephan Muxel ballt die Faust.
Wir begegnen Verena Kögler, die seit einem halben Jahr als Vorstandsmitglied das Marketing bei der Austria verantwortet. „Das war nichts für schwache Nerven“, sagt sie und verweist auf das Spiel vom Freitag in Salzburg. „Zu Hause aufzusteigen ist natürlich noch emotionaler, aber es wäre mir schon viel lieber gewesen, wenn wir es schon letzte Woche klargemacht hätten. Die Anspannung in den vergangenen Tagen war fast unerträglich.“
Strukturiert Impressionen einzufangen ist weiterhin illusorisch, wir schlendern als NEUE-Team von einer Ecke zu anderen und verlieren uns auch gegenseitig im Trubel, aber das macht überhaupt nichts, denn die Bilder sprechen für sich.

Wie ein Märchen
Kapitän Matthias Maak trägt eine schwarze Sonnenbrille mit der weißen Aufschrift: „Meister 2025/26“, der Führungsspieler geht auch beim Feiern voran, sein Feierbarometer hat schon deutliche Ausschläge nach oben. Das gilt auch für Mohamed-Amine Bouchenna, er brüllt seine Freude mit einem lauten Siegerschrei regelrecht aus sich heraus. Dann treffen wir auf Stefan Baldauf, einem der bekanntesten Austria-Fans, der inzwischen auch Fan-Beauftragter bei den Grün-Weißen ist und anlässlich des Einzugs in die Sun-Minimeal-Arena den Song „Wir kommen nach Hause“ komponiert hat.
Dass die Grün-Weißen gleich in der Debütsaison in der neuen Arena aufsteigen, nachdem man zuvor in Bregenz fast abgestiegen wäre, ist ein kleines Märchen. Viel der Worte braucht es auch darum bei der Begegnung mit Baldauf nicht. Er lächelt, nickt zufrieden, einen Glückwunsch später geht die Odyssee durch das grün-weiße Jubelmeer weiter. Einen sehr ruhigen Eindruck macht Austrias Sportdirektor Dieter Alge, der recht klar das Spiel und die zurückliegende Saison zusammenfasst.
„Das Spiel war natürlich schon ein Auf und Ab. Wir sind hervorragend in die Partie gekommen, hatten sehr starke Phasen und auch eine etwas weniger gute Phase, aber wie im Verlauf der gesamten Saison waren wir immer da, wenn es drauf ankam. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft, das war keine einfache Situation. Die letzten Minuten haben wir im Stile eines Meisters heruntergespielt“, sagt Alge, ehe es doch auch aus ihm herausbricht: „Wir sind Meister! Wahnsinn!“

Wiedersehen mit Stückler
Dann ist der große Moment gekommen: Die Meisterehrung beginnt. Die Medaillen übergibt kein geringerer als Austria-Legende Christoph Stückler, flankiert wird der ehemalige Abwehrboss der Grün-Weißen von Bundesliga-Boss Christian Ebenbauer. Als große Sportler erweisen sich die Gäste vom SKU Amstetten, die Spalier für die Lustenauer stehen. Ein Spieler nach dem anderen holt sich die Medaille ab, nach und nach füllt sich die Meisterbühne. Zum Schluss fehlen nur Kapitän Maak, Austria-Urgestein Pius Grabher und Trainer Markus Mader, der bislang in der Jubeltraube noch nicht auffindbar war für uns.
Maak, Grabher und Mader stehen abseits, doch einige Schritte von der Bühne entfernt, beisammen und lassen die Eindrücke auf sich wirken. Dann holen auch sie sich ihre Meistermedaille ab, ein besonders emotionaler Augenblick ist, als Stückler die Medaille Pius Grabher umhängt: Die beiden waren vor über zehn Jahren Teamkollegen bei Austria Lustenau und gehörten im Frühjahr 2013 einer in sich zerrissenen Mannschaft an, die den sicher geglaubten Aufstieg noch verspielte. Grabher zählte damals als 19-Jähriger zu den Besten im Frühjahr, Stückler wiederum passte als einer der Führungsspieler auf den jungen Lustenauer auf, dass nicht auch der Teenager zwischen den Gräben der Mannschaft landete. Heute ist Grabher einer der Mannschaftsbosse. Was für eine Geschichte!
Demensprechend herzlich fällt die Umarmung der beiden aus, nachdem Stückler seinem einstigen Mitspieler Grabher die Medaille umgehängt hat.
Siegerhymne. Um 19.17 Uhr bekommen die Lustenauer den Meisterteller überreicht, aus den Stadionlautsprechern dröhnt mit „We Are The Champions“ die Siegerhymne schlechthin. Kanonen lassen grün-weißes Konfetti vom Himmel regnen, der Meisterteller wird auf der Bühne von Spieler zu Spieler gereicht, die Austrianer hüpfen, singen, tanzen, jubeln, lachen: So sieht Glückseligkeit aus.
Danach verlagert sich das Geschehen so langsam zur Nordtribüne hin, dort, wo eben die treuesten Schlachtenbummler der Grün-Weißen zu Hause sind. Domenik Schierl wird von Fans um ein Foto gebeten, der Torhüter drückt uns kurzerhand ein Mobiltelefon in die Hand, damit wir den Moment festhalten und kein wackliges Selfie daraus wird. Austrias Sportvorstand Stephan Muxel ist ergriffen: „Niemand hätte uns das nach der Vorsaison zugetraut, als wir erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft haben. Aber in diesem Stadion, mit diesen Fans hat eine ganz andere Energie geherrscht. Es war für alle im Verein viel Arbeit, die Mannschaft an diesen Punkt zu bringen, jetzt wartet auf alle viel Arbeit, die Mannschaft bereit für die Bundesliga zu machen. Es ist einfach gewaltig.“

Lotte war immer dabei
Ein paar Schritte weiter hat Muxels Sportvorstand-Kollege Valentin Drexel feuchte Augen. „Wir sind in der Bundesliga zurück. Mir fehlen die Worte, es ist unbeschreiblich“, sagt der 37-Jährige mit etwas zittriger Stimme, um sogleich mit einem heraneilenden Fan abzuklatschen. Austria-Unterstützer Clemens Walch vom Hotel Gotthard ringt strahlend ebenfalls um Worte und sagt schließlich mit einem Kloß im Hals: „Das ist ein großer Tag für die Austria.“ Nahe der Seitenauslinie steht mit Thiago eine weitere Austria-Legende. Auch der Brasilianer gehörte 2013 der Austria-Mannschaft an, die den Aufstieg verspielte, nach seinem Ausfall im Frühjahr ging damals gar nichts mehr zusammen bei den Grün-Weißen: „Ich freue mich so für die Mannschaft, für die Austria“, sagt Thiago mit seinem typisch brasilianisch gefärbten Akzent.
Vor der Kabine hat Lotte Reheis ein Plätzchen gefunden. Die inzwischen 80-Jährige ist bei der Austria seit Jahrzehnten eine Institution, noch immer wäscht sie die Wäsche der Spieler und ist, so, wie seit Spielergeneration, noch immer wie eine Mama für die Spieler: Sie lobt, hört zu, schaut weg, ermutigt – schimpft aber auch, wenn sich die Rasselbande in der Kabine nicht benehmen kann. „Das ist jetzt mein dritter Aufstieg“, erzählt Lotte Reheis, neben ihr hat Christoph Stückler Platz genommen, der nach der Medaillenübergabe die Jubelbühne den Aufstiegshelden überlassen hat. Stückler war, das darf man so sagen, immer ein Liebling von Lotte, weil der Kärntner immer einen lustigen Spruch auf Lager hatte und einfach ein guter Typ war. Ein bisserl wehmütig machen Stückler die Jubelszenen schon: „Wir sind 2013 nicht nur aus sportlichen Gründen gescheitert. Umso mehr freut es mich, wie heute alle im Verein zusammenstehen. Mir geht das Herz auf.“

Kabinenfeier
Inzwischen ist es 19.33 Uhr. Die Spieler haben sich in die Kabine zurückgezogen, und weil man sich kennt, dürfen wir als NEUE das Heiligtum einer jeden Mannschaft betreten: die Umkleide. Die Stimmung ist am Siedepunkt. Aus dem Ghettoblaster, so heißen heute die tragbaren Radiogeräte, dröhnt laute Musik, die Spieler trinken Bier, schunkeln, tanzen, verteilen Bierduschen, jubeln, fallen einander um den Hals. So schön es ist, diese Momente mitzuerleben, eigentlich fühlt es sich falsch an, als Medienvertreter die Mannschaft zu stören. „Das ist schon in Ordnung“, beschwichtigt Co-Trainer Martin Schneider und sagt lachend: „Irgendwann schmeißen wir euch eh raus.“
Fabian Gmeiner präsentiert sich wie Haris Ismailcebioglu als Feierbiest und Taktgeber: Gmeiner ordnet an, dass „Sweet Carolina“ gespielt wird, jetzt gibt’s kein Halten mehr. Das sind Augenblicke, die keiner je mehr vergessen wird. Während Fotograf Klaus Hartinger mit seiner Kamera drauf hält, erzählt Pius Grabher: „Dieser Augenblick bedeutet mir so viel. Ich habe in Lustenau viel erlebt, den verpassten Aufstieg, ich bin gegangen, zurückgekommen, wir sind aufgestiegen, abgestiegen, sind nach Bregenz umgezogen, haben ein neues Stadion gebaut. Und jetzt stehen wir hier als Meister und spielen wieder Bundesliga.“

Die Party geht ab
Sogleich brummt das nächste Partylied durch das Kabinengemäuer. Und aus irgendeiner Richtung spritzt eigentlich ständig Bier durch die Luft. Dann nimmt Sportdirektor Alge die NEUE zur Seite, bedankt sich für die Unterstützung. Ein schöner Moment, fiel doch die Berichterstattung auch kritisch aus, gerade zur Amtseinführung von Alge selbst. „Ach was. Wir haben uns doch längst ausgesprochen, alle Beteiligten haben das großartig gelöst.“
Ein paar der Spieler brauchen einen Moment für sich und haben sich fernab des Tumults ein Plätzchen in der Kabine gesucht: Sie wirken gedankenverloren, überwältigt, fast schon erdrückt vom Glück. Hinter den Spielern liegt ja auch eine Achterbahnfahrt: Sechs Tage zuvor hatten die Lustenauer in Salzburg beim 2:2 gegen die Violetten den ersten Matchball vergeben und damit richtig viel Druck auf ihre Schultern geladen. Nicht wenige glaubten nach dem 2:2 bei Austria Salzburg, die Lustenauer würden an der Konstellation zerbrechen.

NEUE motiviert
Die NEUE titelte am Tag nach dem Salzburg-Spiel: „Jetzt bloß nicht den Mut verlieren!“ Austria-Trainer Mader hat diese Titelseite in seine Spielbesprechung vor dem Amstetten-Spiel aufgenommen, der 57-Jährige zeigte sie den Spielern samt Übersetzung auf Englisch und Französisch und schickte seine Mannschaft mit der Ansage aufs Spielfeld: „Die NEUE hat es auf den Punkt: Wir dürfen jetzt bloß nicht den Mut verlieren!“
Dass die Spieler diesen Mut tatsächlich bewiesen haben, kanalisieren sie nun in der Kabine mit der Meistermedaille um den Hals eben alle anders. Schließlich will auch eine erbrachte große Leistung verarbeitet werden. Manche beginnen damit just im Siegestaumel. Manche tippen eine Nachricht, andere machen Selfies. Bei der ausgelassenen Stimmung reißt es nun aber auch die Letzten aus ihren Gedanken.
Die französischen Spieler posieren mit ihrer Nationalflagge, Torhüter Schierl brennt emotional ebenso ein Feuerwerk ab wie Co-Trainer Seifedin Chabbi. Bier wird von oben herab in den Mund von Spielern geschüttet, die Szenerie wird immer noch privater. Dann kommt Pius Grabher auf die NEUE zu und sagt: „Es wird jetzt Zeit für euch zu gehen.“ Weil NEUE-Fotograf Hartinger noch seine Kamera einpacken muss, erwischt ihn beim Rausgehen ein Bierschwall.

Mader mit Ansage
Austria-Trainer Mader steht derweil auf dem Spielfeld. Bei ein paar Schlucken Bier erzählt der zweifache Aufstiegstrainer: „Vor Saisonbeginn haben wir intern ohne die Spieler eine Saisonbesprechung durchgeführt, und wie es bei so einer Besprechung so ist, hat jeder sein Saisonziel genannt. Einer meinte, nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben wäre ein erster Schritt, ein anderer nannte das Ziel, eine bessere Saison zu spielen wie davor, wieder ein anderer betonte, eine Platzierung im oberen Drittel wäre ein Erfolg. Daraufhin habe ich gesagt: Ja seid ihr alle verrückt? Was sind denn das für Ziele? Ich will aufsteigen!“
Der Mann weiß eben, wie man aufsteigt und soll nach NEUE-Informationen natürlich als Trainer gehalten werden. Die Gespräche über eine Vertragsverlängerung sollen in den kommenden Stunden stattfinden. Und dann beginnt die neue Mission: Während Teile der Mannschaft die Meisterfeier auf Mallorca verlagert haben, gilt es dann für die Lustenauer Vereinsverantwortlichen, ihre Pläne für die anstehende Bundesligasaison umzusetzen. Aber noch sollen und müssen die Lustenauer den Moment genießen, denn wie heißt es so schön bittersüß: Solche Tage kommen nie wieder. Der 14. Mai 2026 ist unauslöschlich in die Vereinsgeschichte von Austria Lustenau eingebrannt. Glückwunsch!