Gedanklich ist Egger schon wieder zurück

Am 10. Jänner hat sich die Lecherin Magdalena Egger bei ihrem Sturz in Zauchensee eine schwere Knieverletzung zugezogen. Die NEUE begleitet die 25-jährige Skiweltcupläuferin auf ihrem Weg zurück. Im zweiten Teil präsentiert sich die Weltcupläuferin bereits in erstaunlich guter Verfassung.
Ihr Gang ist aufrecht und locker, ihr Gesicht schmückt ein Lächeln, ihr gesamtes Auftreten wirkt gelöst, optimistisch und sympathisch: Magdalena Egger ist auf dem besten Wege, sich nach ihrer schweren Knieverletzung vom 10. Jänner dieses Jahres zurückzumelden: Damals erlitt die 25-jährige Lecherin bei der Abfahrt in Zauchensee einen Kreuzbandriss, einen Einriss des Seitenbandes sowie eine Quetschung des Außenmeniskus im rechten Knie. Und auch schon wieder vier Monate ist es her, dass Egger bei einem Medientermin in den Behandlungsräumen der Physio Rhomberg in Lech auf Krücken humpelnd Einblicke in ihre gerade erst begonnene Reha gab. „Damals ist mir fast noch jede Bewegung schwer gefallen“, erinnert sich die Skirennläuferin, die ihre Reha längst ins Olympiazentrum nach Dornbirn verlegt hat.
Schneidersitz
Die Arlbergerin sitzt gemütlich im Schneidersitz auf einer langen Holzbank im Erholungsbereich hinter dem Olympiazentrum, ein paar Schritte entfernt von der Birkenwiese. Gerade eben hat sie in der Kraftkammer des Olympiazentrums noch trainiert, zum Beispiel balancierend auf einem Slackline-Trainingsgerät mit mehreren Tennisbällen jonglierend, Gewichte gestemmt, Kniebeugen gemacht, Liegestütze ausgeführt. „Manche glauben ja, dass eine Reha daraus besteht, sich in ein Becken mit warmem Wasser zu legen, von einem Physiotherapeuten behandelt zu werden und sich ja nicht zu viel zu bewegen“, bringt Egger den gängigen Irrglauben auf den Punkt.
Sie macht das mit einem Lächeln und meint das auch nicht als Vorwurf. „Woher sollen Außenstehende auch wissen, wie eine Reha abläuft? Ich hätte davon ziemlich sicher auch keine Ahnung, wenn ich keine Skirennsportlerin wäre.“ Dann greift die Head-Läuferin zum Handy und checkt, ob das Cappy, das den Schriftzug ihres Kopfsponsors Lech Zürs Tourismus trägt, auch gut sitzt und ob ihre Haare darunter nicht etwa unordentlich wirken. Während sie ihre Frisur justiert, führt Egger ihre Gedanken weiter aus: „In Wahrheit ist eine Reha mit extrem viel Arbeit verbunden. Klar, in der Akut- und Anfangsphase schauen die Übungen von außen betrachtet relativ einfach aus, aber für den Körper ist es eine Hochleistung. Es geht darum, die Muskulatur zu erhalten und die Beweglichkeit schrittweise wieder zu erhöhen.“

Positive Seiten
Wie es so ist während einer Reha, zu Beginn sind die Schritte groß. Nach drei Wochen konnte Egger auf die Krücken verzichten, seit der sechsten Rehawoche ist die Weltcupläuferin wieder so mobil, dass sie eben Autofahrten nach Dornbirn nicht überbeanspruchen. „Es gibt sehr wohl auch positive Seiten bei einer Reha“, erzählt die 25-Jährige und unterstreicht ihre Positivität wie so oft im Gesprächsverlauf mit einem Lächeln. „Du feierst während einer Reha viele kleine Erfolgserlebnisse. Du spürst, wie dir spezielle Bewegungen von Woche zu Woche leichter fallen. Das ist eine riesige Motivation.“ Gleichzeitig verhehlt die Speedspezialistin auch nicht, dass auch Rückschläge zu einer Reha gehören. „Während einer neunmonatigen Reha sind kleine Rückschläge nicht vermeidbar. Aber das sind Microphasen, zum Beispiel, wenn eine kleine Schwellung auftritt, dann gilt es eine Woche die Belastung zu dosieren.“
Und es wäre nicht Egger, wenn sie nicht, lächelnd positiv gestimmt, anfügt: „Rückschläge gehören zum Trainingsalltag eines Leistungssportlers. Während einer langen Saisonvorbereitung zwickt und drückt es immer wieder mal in den Beinen oder den Schultern, auch dann musst du dein Pensum reduzieren. Ich bin wirklich sehr zufrieden, wie meine Reha läuft“, spricht sie und zuckt kurz zusammen. „Eigentlich empfinde ich mein aktuelles Trainingsprogramm gar nicht mehr als Reha. Ich bin sowohl körperlich als auch mental schon so weit, dass ich mein Training als gewöhnliche Saisonvorbereitung wahrnehme.“

Nicht mehr präsent
Nun, ein ganz kleines bisschen muss sich Egger für diese Sichtweise anflunkern, denn es wird noch Monate dauern, bis die Arlbergerin wieder dauerhaft in die reguläre Trainingsgruppe zurückkehrt: Wenn sie wieder auf Ski steht, wird sie gemeinsam mit anderen Rekonvaleszenten in der sogenannten Back-to-Race-Trainingsgruppe wieder an das Renntempo herangeführt. Aber, um es mal so auszudrücken: Es gab schon Athletinnen und Athleten, die viereinhalb Monate nach so einer schweren Knieverletzung noch einen weiteren Weg vor sich hatten als Egger.
Zumal die sechsfache Juniorenweltmeisterin vor Kurzem tatsächlich einen Abstecher in den regulären Trainingsalltag machen konnte und gemeinsam mit den österreichischen Slalomläuferinnen auf Mallorca einen Radkonditionskurs absolvierte. „Ich konnte ohne Einschränkung mitmachen, solche Erlebnisse motivieren einen unbeschreiblich“, lässt Egger tief blicken. Dann steht Egger auf und erklärt: „Ich würde mich bei einer Begrüßung nicht als verletzte Skirennläuferin vorstellen. Die Knieverletzung ist nicht mehr präsent in meinem Kopf. Ich würde bei einer Vorstellung sagen: Ich bin Mäggy Egger, ich bin Skirennläuferin und bereite mich auf die kommende Weltcupsaison vor.“ Ihr Ton dabei ist zackig, als würde sie ein Manöver erklären.
Die 25-Jährige hat längst abgehakt, dass sie die Olympischen Spiele in Cortina verpasst hat, für die sie sich nach ihren Top-Platzierungen im Winter 2025/26 qualifiziert hätte: Egger fuhr in der Abfahrt von St. Moritz auf Platz zwei und bestätigte tags darauf mit dem siebten Rang ihre Leistung. Zudem ließ sie vor Weihnachten zwei gute Fahrten im Super-G folgen. „Ich weiß nicht, ob mir die Olympiaabfahrt von Cortina gelegen wäre“, will die die zweifache EYOF-Goldmedaillengewinnerin von 2019 keine Legenden spinnen. Nichts wäre einfacher für sie, als zu behaupten, dass ihr der Kurs entgegengekommen wäre – denn den Beweis dafür müsste und könnte sie ja nicht antreten. Aber eine solche Legendenbildung ist ihr fremd. „Ich war nicht vor Ort, ich weiß nicht, wie die Schneebindungen waren, ich bin nie über die Strecke gefahren und weiß daher nicht, wie es sich angefühlt hat. Und anhand der TV-Bilder allein“, sagt Egger und winkt ihrer rechten Hand ab, „würde ich mir nie anmaßen, ein Urteil zu bilden.“

Mit Rädler mitgejubelt
Ganz emotional wird Egger, als das Thema auf den Olympiasieg von Ariane Rädler fällt: Die Leiblachtalerin gewann zusammen mit Katharina Huber die Team-Kombination. Mit feuchten Augen erklärt sie: „Ich würde diesen Moment als einen der intensivsten und emotionalsten Sportmomente betiteln, den ich jemals erlebt habe, weil ich Ariane als Mensch so sehr schätze.“ Mit jedem Wort wird Eggers Stimme zittriger, die erfolgreichste Nachwuchsläuferin ihrer Zeit ist emotional so berührt, dass sie buchstäblich mit den Tränen kämpft.
Hat ihr Rädlers Olympiasieg Mut gemacht, dass solche großen Erfolge auch nach einer Knieverletzung möglich sind – Rädler hat ja gar vier Kreuzbandrisse hinter sich? „Ich habe mich nicht aus einem Ich-Bezug heraus für sie gefreut, sondern, weil ich weiß, was für schwere Zeiten sie hinter sich hatte und wie viel Kraft und Energie sie in ihre Comebacks investiert hat.“ Egger war in der Vergangenheit mit Rädler in einer Trainingsgruppe und gehörte auch einer Servicegruppe von Head an.

Kritik an Schadenfreude
Berührt hat Egger auch der Sturz von Lindsey Vonn. „Wenn du selbst verletzt bist, geht dir so ein Sturz sehr nahe“, beschreibt die 25-Jährige jetzt wieder mit fester Stimme, die sich nun mit Zynismus färbt: „Es gibt ja Zuschauer, die fahren nur deshalb zum Abfahrtsrennen nach Kitzbühel, weil sie ein paar spektakuläre Stürze sehen wollen.“ Als Egger das sagt, klingt einem so ein bisschen Rainhard Fendrichs „Es lebe der Sport“ im Ohr, als der damals noch blutjunge Sänger Anfang der 1980er-Jahre über just jenen Typ Sportfan sang: „Ein Sturz bei 120 km/h, entlockt ihm ein erfreutes ‚Hoppala‘, und liegt ein Körper regungslos im Schnee, schmeckt erst so richtig der Kaffee.“ Egger nickt zustimmend und sagt: „Wir Athleten können so eine Einstellung überhaupt nicht nachvollziehen. Es ist nicht lustig im Netz zu landen, selbst dann nicht, wenn du dich nicht schwer verletzt. Blutergüsse und Schrammen hast du von solchen Abflügen immer. Das gehört zum Tagesgeschäft, aber Schadenfreude ist kein schöner Charakterzug.“
Und nur scheinbar völlig zusammenhanglos erklärt die 18. des zurückliegenden Abfahrtsweltcup-Winters: „Während einer Reha lernst du deinen Körper immer noch besser kennen, weil du auf jedes kleine Signal hörst und auch sofort reagierst. Das ist das, was du aus so einer Reha mitnimmst. Du achtest mehr auf dich, und hast auch viel mehr Zeit, dich mit deinem Körper zu beschäftigen als während einer regulären Vorbereitung. Ich sage immer, so eine Reha ist im Idealfall wie ein Update beim Computer: Du brauchst einen Neustart, hast danach aber neue Tools zur Verfügung, die dich weiterbringen.“

Praktikum
Am 15. August nimmt Egger am Radrennen des Teams Vorarlberg „Everesting“ teil, wobei sie nicht die vorgegebenen 8848 Höhenmeter im Alleingang stemmen will, sondern aus Spaß an der Freude dabei ist – Radfahren ist aktuell ein ideales Konditionstraining für sie. Als „Justiz-Athleta“, so heißen jene 29 österreichischen Athleten, die im Rahmen der Spitzensportförderung eine duale Ausbildung absolvieren können, absolviert Egger wie schon im Vorjahr gerade in der Justizanstalt Feldkirch ein zweiwöchiges Praktikum. Egger ist dabei noch nicht befugt, selbstständige Handlungen auszuführen, will aber die Justizwache-Beamten vor Ort so gut wie möglich unterstützen. Aus dem sinnbildlichen Bewegungsgefängnis, das so ein Kreuzbandriss darstellt, ist die Arlbergerin jedenfalls schon lange ausgebrochen. Die Frau hat im kommenden Winter viel vor. Fortsetzung folgt.