Als Jimmy Connors noch ein Arschloch war

Zeitreise. Vor 35 Jahren stürmte Jimmy Connors mit 39 Jahren unter dem Jubel der Zuschauer ins Halbfinale der US Open. Der Amerikaner gewann bei diesem Turnier mehr Herzen als während seiner gesamten so erfolgreichen Karriere, in der Connors wie kein Zweiter polarisierte.
Wer heute an Jimmy Connors denkt, sieht vermutlich die Bilder vor sich, wie der knapp 40-Jährige bei den US Open 1991 auf dem Center Court in Flushing Meadows die Faust ballt, mit dem New Yorker Publikum spielt und seine Gegner, die seine Kinder sein könnten, in epischen Duellen niederkämpft. Seither gilt Connors als fleischgewordenes Synonym des Publikumslieblings. Doch eigentlich war der Linkshänder, der 268 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste war und 16 Jahre in Folge den Top Ten angehörte, fast über seine gesamte Karriere hinweg der unbeliebteste Spieler auf der Tour.
In Wimbledon, Paris und als die US Open noch in Forest Hills stattfanden, wurde Connors regelmäßig ausgepfiffen. Connors stilisierte sich als Bösewicht, schimpfte mit den Schiedsrichtern und den Gegnern. Legendär sind seine Tiraden mit John McEnroe, den Connors von ganzem Herzen hasste. Connors ist noch heute stolz darauf, dass es keine Bilder von ihm mit McEnroe gibt, wie sich die beiden umarmen oder sich nach einer Partie am Netz versöhnlich verabschieden. Das Raubein befand sogar bei einer Gelegenheit: Hätte ihm wider Erwarten McEnroe mal angeboten, ihn vom Flughafen mitzunehmen, wäre er lieber zu Fuß in die Stadt.
Fast handgreiflich
Nichts an der Rivalität zwischen Connors und McEnroe war gekünstelt. Bei einem Schaukampfturnier im Jänner 1982 wäre die Fehde fast eskaliert: Connors stieg übers Netz, ging zur Grundlinie und fuchtelte so nahe vor McEnroe mit dem Zeigefinger herum, dass er ihm dabei im Gesicht traf. McEnroe schubste seinen Widersacher weg, und es hätte nicht viel gefehlt, dass Connors handgreiflich geworden wäre. Ein Offizieller musste Jimbo, wie Connors genannt wurde, von McEnroe trennen.
Der Hass beruhte auf Gegenseitigkeit und ging auf das erste Aufeinandertreffen 1977 in Wimbledon zurück, als Connors den jungen McEnroe vor deren Halbfinalduell in der Umkleidekabine komplett ignorierte. Später bezeichnete „BigMac“, selbst freilich alles andere als ein Kind von Traurigkeit, diese erste Erfahrung mit Connors als demütigend und richtungsweisend. McEnroe empfand es als armselig, dass es Connors als Nummer eins der Welt nötig hatte, einen 18-jährigen Qualifikanten wie ihn einschüchtern zu müssen.
Die medialen Reaktionen auf „Jimbos“ unerträgliches Verhalten fielen vernichtend aus: Die New York Times befand einst, Connors sei „Der Star, den du liebst zu hassen“, ein Promoter urteilte über den Provokateur: „Niemand steht Connors neutral gegenüber. Entweder du magst ihn nicht, oder du hasst ihn.“ Connors umgab eine Aura der Unsympathie.

Zuschauer beschimpft
Connors legte sich auch mit dem Publikum an. Bei einem Schaukampfturnier Mitte der 1970er-Jahre schrie ein Zuschauer in Richtung Connors: „Hey, Jimmy, du solltest besser aufgeben und heim zu Chrissie gehen.“ Mit Chrissie war die Langzeit-Nummer-eins Chris Evert gemeint, mit der Connors zu jener Zeit verlobt war – die beiden galten als Traumpaar. Connors flippte völlig aus.
„Wer hat das gesagt?“, fragte der Tennisspieler fuchsteufelswild. Die Zuschauer deuteten auf einen Mann in der dritten Reihe. Connors stürmte daraufhin auf den Mann zu, stieg auf eine Werbebande, und weil er ihn mit der Faust nicht treffen konnte, lehnte er sich nach vorne und schrie: „Steh auf, du Hurensohn!“ Der achtfache Grand-Slam-Sieger wollte dem Zuschauer mit seinem Schläger eins überbraten, ehe ihn Sicherheitskräfte wegzerrten.
Die Schöne und das Biest
Evert und Connors hatten 1974 beide in Wimbledon gewonnen und wurden in den Medien oft als Liebesdoppel bezeichnet: Doch während der jungen und adretten Evert die Herzen zuflogen, erntete der rüpelhafte Connors eher Spott: „Ach ja, und Tennis spielt Connors auch noch“, war eine der Schlagzeilen über ihn, obwohl er die Nummer eins der Welt war.
Die Hochzeit der beiden Tennisasse war für den 8. November 1974 angesetzt, die Trauung platzte jedoch wenige Wochen davor. Danach fanden „die Schöne und das Biest“, wie die zwei genannt wurden, immer wieder mal zusammen, ehe sie ab 1978 endgültig getrennte Wege gingen. Das auf persönlicher Ebene größte Foul beging Connors viele Jahre nach seiner Karriere. Der zweifache Wimbledon-Sieger offenbarte, warum seine Verlobung mit Chris Evert geplatzt war: Evert sei schwanger gewesen, hätte sich aber aufgrund ihrer Karriere zu einer Abtreibung entschieden, womit er nicht umgehen konnte. Die Veröffentlichung war mit Evert nicht abgesprochen. Chrissie zeigte sich danach enttäuscht über ihren ehemaligen Verlobten.

Millionenklage
Connors liebte es geradezu, die Öffentlichkeit gegen sich aufzubringen, so weigerte er sich jahrelang, für Amerika im Davis Cup anzutreten. Der amerikanische Weltklassespieler Arthur Ashe urteilte deshalb im Frühjahr 1975 in einem offenen Brief: Connors würde sich unpatriotisch verhalten, weil er lieber Schaukämpfe bestreiten würde, als für sein Land zu spielen. Vor Beginn des Wimbledon-Turniers wurde bekannt, dass Connors gegen Ashe eine Millionen-Klage wegen Verleumdung eingereicht hatte. Wie es das Schicksal so wollte, trafen die beiden wenige Tage später im Wimbledon-Finale von 1975 aufeinander, Ashe trug beim Betreten des Center Courts demonstrativ die Jacke des amerikanischen Davis-Cup-Teams, während des Spiels trug der 31-Jährige ein Schweißband in den Farben der US-Flagge. Jimbo ärgerte sich maßlos über diese Symbolik. Ashe gewann in vier Sätzen und wurde damit der erste schwarze Wimbledonsieger bei den Herren.
Später ließ Connors die Klage fallen, eine öffentliche Versöhnung blieb aus. Immerhin: 1984 ließ sich Connors vom nunmehrigen US-Davis-Cup-Kapitän Ashe überzeugen, am Teambewerb teilzunehmen, um mit seinem Rivalen McEnroe ein Dreamteam zu bilden. Der erhoffte Davis-Cup-Sieg blieb aus: Die haushoch favorisierten Amerikaner verloren gegen die blutjungen Mats Wilander und Stefan Edberg überraschend das Finale, danach bestritt Connors nie mehr ein Davis-Cup-Match.
Gestreckter Mittelfinger
Auf dem Platz trieb es Connors immer mehr auf die Spitze. 1982 wurde der beidhändige Rückhandspieler nach mehreren obszönen Gesten, darunter einem Griff in den Schritt, für 21 Tage gesperrt. Die Wirkung der Sanktion war gleich null. Der Griff in den Schritt gehörte über viele Jahre hinweg zum Standardrepertoire von Connors. Bei einem Schaukampf in Ecuador heizte er damit so die Stimmung an, dass er von seinem Betreuer aufgefordert wurde, den Griff an die Genitalien zu unterlassen. Die Zuschauer fassten die Geste nämlich als Provokation gegenüber ihrem Präsidenten auf, der unter den Zuschauern war.
Im Wimbledon-Finale 1977 gegen Björn Borg zeigte Connors nach einem Doppelfehler den Zuschauern den Mittelfinger, in einem Match gegen seinen Lieblingsfeind McEnroe spuckte er während eines Seitenwechsels gezielt Wasser vor die Füße seines Widersachers. Die Aktionen waren immer impulsiv, gleichzeitig aber auch im Wissen, dass er eigentlich mit allem davon kam. Weil er zu gut war – er konnte nicht rausgeschmissen werden. Für Connors waren seine Scharmützel ein Weg, den Druck zu kanalisieren.
„Ich muss die Anspannung rauslassen, sonst kann ich nicht spielen“, hat er mal der New York Times erklärt und dabei auch auf die Unterschiede zu Björn Borg hingewiesen – am schwedischen „Eisborg“ perlte der Druck regelrecht ab. Jimbo war das komplette Gegenteil. Wut war für Connors eine Methode. „Habe ich die rote Linie ein paar Mal überschritten? Wahrscheinlich. Aber nicht meine rote Linie, sondern die der anderen.“ Und wo die anderen die Grenzen zogen, interessierte ihn nicht. Wer ihn nicht mochte, musste ihm nicht zusehen.
Der Linkshänder sah das Tennis als eine Art Klassenkampf an, er entstammte dem Arbeitermilieu, und das zu einer Zeit, in der Tennis oft noch der Oberschicht vorbehalten war. Dass einer wie er Tennisprofi wurde, sei fast schon ein kosmischer Irrtum gewesen. Schon seine Mutter Gloria hat ihn beim Tennistraining auf diesen Klassenkampf mit allen Mitteln getrimmt. Sie forderte ihren Sprössling geradezu dazu auf, sich zu wehren – und wütend zu sein: So schlug sie ihren Sohn beim Training den Ball an den Hals und sagte: „Sieh her, sogar deine eigene Mutter macht das mit dir – stell dir vor, was die anderen tun.“ Der kleine Jimmy verstand. Geprägt hat ihn auch, wie er als Achtjähriger zusammen mit seinem Bruder miterleben musste, wie seine Mutter auf dem Tennisplatz brutal niedergeschlagen worden war von Hooligans. Sie hatte die Krawallmacher gebeten, die Musik etwas leiser zu drehen, während sie Tennis spielten. Daraufhin schlugen die Männer seiner Mutter mehrere Zähne aus. Am nächsten Tag stand sie mit Jimmy wieder auf dem Platz, und zwar auf jenem, auf dem sie so zugerichtet worden war. Connors vergaß das nie. So, wie das Gefühl der Hilflosigkeit, das er während dieses Übergriffs auf seine Mutter erfuhr. Der Ekel davor, ausgeliefert zu sein, brannte sich tief in ihm ein. Er wollte nicht hilflos sein, er wollte sich wehren, laut sein. Vielleicht auch deshalb hat er sich nie für seine Eskapaden entschuldigt.

Spielabbruch und Sperre
Beim Hallenturnier in Sydney legte sich Connors 1982 wie so oft mit dem Schiedsrichter an und befand: Entweder gehst du oder ich gehe. Vier Jahre später setzte er diese Drohung in Boca Raton in die Tat um. Im Halbfinalduell mit Ivan Lendl, noch so ein Spieler, den Connors hasste, rastete Jimbo komplett aus. Lendl führte im fünften und entscheidenden Satz mit 3:2 und 30:0 bei eigenem Aufschlag. Der Tschechoslowake musste von nahe der Grundlinie aus einen Return von Connors als unterschnittenen Halbvolley spielen, der lang und länger wurde. Connors spielte den Volley im Abdrehen zurück, im Glauben, der Ball sei im Aus gewesen. Aber: Der Linienrichter gab den Ball gut, und der umstrittene Umpire Jeremy Shales überstimmte seinen Linienrichter nicht.
Connors schrie den Schiedsrichter an, deutete, dass der Ball 20, 30 Zentimeter im Aus gewesen sei und weigerte sich, weiterzuspielen: Er verlangte den Supervisor. Shales verhängte erst einen Strafpunkt, womit Lendl mit 4:2 in Führung ging, und als Connors nicht und nicht weiterspielte, wegen Zeitüberschreitung ein Strafgame zum 5:2. Der Amerikaner blieb hartnäckig bei seiner Forderung, wonach der Supervisor zu erscheinen hätte. Schließlich bekam er seinen Willen. Der Supervisor sprintete zusammen mit dem Hauptschiedsrichter des Turniers auf den Court, jedoch nur, um dem bockenden Connors zu erklären, dass sie bei einer reinen Tatsachenentscheidung nicht eingreifen könnten.
Connors packte seine Sachen, er verließ den Platz. Später wollte Jimbo aus seinem Abtreten ein Heldenepos machen, er sei nicht für sich, sondern für alle Tennisspieler aufgestanden. Was ihm bei aller Kritik am streitbaren Shales wohl nur die allerwenigsten abkauften. Connors bekam jedenfalls eine Geldstrafe von 25.000 Dollar und wurde zehn Wochen gesperrt – womit das Enfant terrible die French Open verpasste und als erster Spieler wegen einer Disziplinarsperre nicht bei einem Grand-Slam-Turnier antreten konnte.
Drohung
Nach Ablauf seiner Sperre trat Connors beim Rasenturnier in Queens an. Bei seiner ersten Pressekonferenz wurde er natürlich auf seinen Ausraster in Boca Raton angesprochen. Der Linkshänder antwortete, ohne den Namen von Shales in den Mund zu nehmen: „Wenn so etwas nochmal passiert, würde ich nicht durchdrehen, sondern den Schiedsrichter vom Stuhl runterziehen. Das wäre dann zwar mein letztes Match, aber ich hätte meinen Spaß dabei.“
Das „gestohlene“ Finale
Berühmt-berüchtigt ist auch das Verhalten von Connors nach dem verlorenen US-Open-Finale von 1977 in Forest Hills auf Sand gegen Guillermo Vilas: Connors lag mit 1:2 nach Sätzen und im vierten Durchgang mit 0:5 im Rückstand, als Vilas bei Aufschlag Connors Matchball hatte. Jimbo spielte eine Vorhand der Linie entlang, die gerade noch die Linie angekratzt haben könnte. Der Linienrichter reagierte erst nicht, gab den Ball dann aber mit Verzögerung aus, womit Vilas die US Open gewonnen hatte. Die argentinischen Fans stürmten den Platz und feierten ihren Helden, woraufhin Connors mal wieder völlig die Nerven verlor: Es kam nicht zum Handschlag mit Vilas, stattdessen verließ Connors noch vor der Siegerehrung den Court. Beim Rausgehen spuckte er gegen einen Baum. Hinterher behauptete Connors, man habe ihm den Titel weggenommen, das Spiel sei aus seiner Sicht nicht zu Ende. Connors lag wohlgemerkt 0:5 in Rückstand im vierten Satz. Der Amerikaner kritisierte, dass der Ballabdruck nicht kontrolliert werden konnte, weil eben die Vilas-Fans den Platz gestürmt hatten.

Ballabdruck weggewischt
Das Makabere daran war, wie sich Connors tags zuvor im Halbfinale gegen Corrado Barazzutti verhalten hatte: Der Italiener hatte im ersten Satz beim Stand von 3:3 einen Breakball, als er eine Rückhand von Connors im Aus sah. Barazzutti wollte den Abdruck vom Schiedsrichter kontrollieren lassen, als die seinerzeitige Nummer eins der Welt ums Netz rannte und den Ballabdruck wegwischte. Der Mann kannte offensichtlich keine Grenzen. Der verdutzte Schiedsrichter verhängte keine Strafe, gab Connors den Punkt und meinte lediglich, dass Connors nicht das Recht dazu hätte, selbst, wenn es als Spaß gemeint gewesen wäre. Nun: Barazzutti fand das Ganze nicht sonderlich lustig, die Zuschauer buhten ihren Landsmann aus, dem das alles aber sichtlich egal war. Der 25-jährige Lokalmatador rief den Zuschauern vielmehr zu: „Ich bin der letzte Amerikaner im Feld, ihr solltet mich besser unterstützen.“ Connors gewann in drei Sätzen, hinterher kam es in der Umkleidekabine zu chaotischen Szenen mit einem italienischen Journalisten. Viele der Zuschauer in Forest Hills nahmen Connors so übel, dass sie im Finale nicht für ihren Landsmann applaudierten, sondern Vilas anfeuerten. Um es mit John McEnroe zu sagen, der viele Jahre später im Scherz mit ernstem Unterton befand: „Connors ist ein komplettes Arschloch.“
Hot-Dog-Mentalität
Dass derselbe Mann später zum Publikumsliebling schlechthin wurde, lag nicht an einer wundersamen Wandlung von Jimmy Connors. Vielmehr änderte sich die Perspektive der Zuschauer und der Öffentlichkeit nach und nach. Ausgangspunkt dafür war schon der Umzug der US Open im Jahr 1978 vom beschaulichen Forest Hills nach Flushing Meadows, wodurch aus einem Turnier mit Klub-Atmosphäre eine Massenveranstaltung im größten Tennisstadion der Welt wurde: Der Center Court bot über 18.000 Menschen Platz, dadurch begann die Hot-Dog-Mentalität in das Tennis Einzug zu halten. Diese neue Art von Zuschauern war offener für den lauten und aggressiven Connors.
Viel Respekt gewann Jimbo zudem zurück, als er 1982 Wimbledon und die US Open gewann sowie 1983 den Titel in New York verteidigte, nachdem er zuvor vier Jahre lang ohne Grand-Slam-Titel geblieben war. Sportlich war der Mann aus Illinois ohnehin über jeden Zweifel erhaben. 1974 gewann er drei von vier Grand-Slam-Turnieren, und wer weiß, ob er sich damals nicht sogar den Grand Slam geschnappt hätte, wenn er bei den French Open nicht gesperrt gewesen wäre: Connors hatte für das amerikanische Turnierformat World Team Tennis gemeldet, woraufhin er von den French Open ausgeschlossen wurde.

Protest
Als Protest gegen diese Entscheidung boykottierte Connors von 1975 bis 1978 das Major-Turnier in Paris, womit er seiner Sturheit die besten Sandplatzjahre seiner Karriere opferte. Der eigenwillige Amerikaner trat zwischen Jänner 1975 und Mai 1979 nur bei acht Grand-Slam-Turnieren an. Dem gegenüber stand wiederum Mitte der 1970er-Jahre eine atemberaubende sportliche Konstanz, Connors erreichte in jener Zeit bei elf von zwölf Grand-Slam-Turnieren das Finale und schloss von 1974 bis 1978 das Jahr als Nummer eins ab, wobei 1977 viele die Sinnhaftigkeit der Punktearithmetik anzweifelten und Borg als die eigentliche Nummer eins sahen. Mit seinen Grand-Slam-Titeln in den Jahren 1982 und 1983 spielte sich Connors also wieder sportlich ins Rampenlicht, sein Kampfgeist hatte die Zuschauer ohnehin immer beeindruckt: Der Mann gab keinen Ball und erst recht kein Spiel verloren, was zumindest in Ansätzen seine Einstellung erklärt, dass ihm trotz 0:5-Rückstand im vierten Satz 1977 der US-Open-Titel gestohlen wurde.

Wendepunkt
Der emotionale Wendepunkt in der Karriere von Connors ereignete sich am 30. Juni 1987 im Wimbledon-Achtelfinale gegen Mikael Pernfors: Jimbo lag nach 91 Minuten mit 1:6, 1:6, 1:4 zurück. Das Spiel hätte der Abgesang auf die Karriere des inzwischen 34-jährigen Connors werden können. Doch der Mann mit der so markanten beidhändigen Rückhand weigerte sich, das Spiel zu verlieren – und gewann die Partie nach 3:39 Stunden von Krämpfen geplagt doch noch mit 1:6,1:6,7:5, 6:4,6:2. Nach dem Spiel gestand Connors: „Der Zwischenstand verletzte mein Ego. Ich musste was tun, also habe ich noch härter gekämpft. Ich bin nicht überrascht, dass ich das Spiel gewonnen habe.“ Mit dieser Aufholjagd eroberte Connors die Herzen. Als er vier Tage später im Halbfinale dem späteren Sieger Pat Cash unterlag, erhielt Connors Standing Ovations. Eine solche Liebesbekundung wäre bis dahin unvorstellbar gewesen.
Plötzlich Folklore
Plötzlich wurde Jimbo für seine Mätzchen frenetisch gefeiert, für die er jahrelang ausgepfiffen und ausgebuht worden war. Seine Provokationen wurden zur Folklore. Der Amerikaner legte sich weiterhin mit den Schiedsrichtern und den Gegnern an, aber er verstand es jetzt, die Zuschauer auf seine Seite zu bringen. Zudem schwang wohl auch eine gehörige Portion Melancholie mit, denn die Karriere von Connors neigte sich dem Ende zu. Wo auch immer der Mann nun hinkam, wurde er gefeiert. Sein Rabaukentum war zum Kulturgut geworden. Sein nächstes Meisterstück lieferte der nunmehr 37-jährige Connors bei den US Open 1989: Mit den Zuschauern im Rücken entnervte er im Achtelfinale den Schweden Stefan Edberg, der davor in Paris und Wimbledon im Finale gestanden hatte. Connors düpierte den Serve-and-Volley-Spieler mit fulminanten Passierbällen und gewann 6:2,6:3,6:1. Im Viertelfinale führte Connors gegen Teenieschwarm Andre Agassi mit 2:1 in Sätzen. Danach schien es, als ob jenes Turnier sein letztes Ausrufezeichen gewesen wäre. Connors trat 1990 nur noch bei drei Turnieren an und verlor jeweils in der ersten Runde.
Legendäre Aufgabe
In der Weltrangliste rutschte der achtfache Grand-Slam-Sieger auf Rang 936 ab. Als er 1991 signalisierte, seine Karriere fortsetzen zu wollen, erhielt der 38-Jährige bereitwillig Wildcards. So schaffte es Connors im April 1991 in Tokio ins Achtelfinale, wo er gegen die damalige Nummer eins der Welt Stefan Edberg nur knapp verlor. Zwei Monate später wurde Connors in Roland Garros gefeiert: Jimbo zwang in der zweiten Runde den starken Sandplatzspieler Ronald Agenor in fünf Sätzen in die Knie.
In der dritten Runde traf der Altmeister auf Michael Chang, den Paris-Sieger von 1989, der damals mit 17 Jahren mit seinen „Mondbällen“ erst Lendl und dann Edberg in den Wahnsinn trieb und zum Publikumsliebling aufstieg. Doch gegen Connors waren die Sympathien klar verteilt: Praktisch alle auf dem Court Central wollten den früher so verhassten Provokateur siegen sehen. Es entwickelte sich ein Jahrhundertmatch: Connors zwang den knapp 20 Jahre jüngeren Chang in einen Abnutzungskampf. Jimbo selbst erinnerte sich später, dass er im vierten Satz bei einem 1:2-Satzrückstand ein Pärchen sah, das gerade seinen Platz verlassen wollte: „Geht nicht“, soll er zu ihnen gesagt haben, „das ist hier noch nicht zu Ende.“ Und tatsächlich: Connors schaffte es bei einer aufgepeitschten Atmosphäre unter dem Jubel der Zuschauer in den fünften Satz. Chang begann den fünften Satz mit Aufschlag, Connors gelang ein Rückhandwinner – damit führte der Altmeister. Nach dem Punktegewinn zum 0:15 im fünften Satz schlenderte er zu Schiedsrichter Bruno Rebeuh und erklärte dem Umpire, dass er völlig am Ende war. Der 38-Jährige musste aufgeben – beim Verlassen des Platzes musste Connors vom ATP-Arzt gestützt werden. Die Zuschauer tobten vor Begeisterung. Jimbo war plötzlich der Held der Massen.

Höhepunkt
Nach einem seiner großen Siege, den er unter Buhrufen errungen hatte, sagte Connors in der Umkleidekabine zu einem Journalisten: „Eines Tages werden sie mir zujubeln.“ Im Spätsommer 1991 war dieser Tag gekommen. Connors trat mit einer Wildcard bei den US Open an – und traf in der ersten Runde auf einen McEnroe. Zwar nicht John, aber immerhin seinem Bruder Patrick, der in der Weltrangliste in den Top 40 war. Johns jüngerer Bruder führte mit 2:0 in Sätzen, alles schien seinen erwartbaren Gang zu nehmen: Doch Connors gab nicht nach. Ganz so, wie es ihm seine Mutter vorgelebt hatte: Aufgeben kam nicht infrage. Jimbo gewann in fünf Sätzen.
Danach entwickelte sich eine schier magische Eigendynamik. Jimbo gewann Spiel um Spiel, seine Partien auf dem Center Court wurden zum Happening. An seinem 39. Geburtstag traf Connors im Achtelfinale auf den kampferprobten Aaron Krickstein, der, wenn fit, einer der besten, zähesten und unangenehmsten Gegner der Welt war. Krickstein gewann den ersten Satz und holte im zweiten Durchgang einen 1:5-Rückstand auf. Im Tiebreak vergaben beide einen Satzball, als beim Stand von 7:7 praktisch alle Handlungsstränge der Karriere von Connors zusammenliefen: Jimbo stürmte ans Netz und verwandelte den Punkt mit einem riskant gespielten Schmetterball. Krickstein deutete an, dass der Ball im Aus war, der Linienrichter gab den Smash gut, doch der Schiedsrichter, der auf der gegenüberliegenden Seite saß, überstimmte den Linienrichter: Satzball Krickstein. Connors stürmte zum Schiedsrichter: „Ich renne mir hier mit 39 die Seele aus dem Leib und du tust sowas?“ Connors nannte den erfahrenen Umpire David Littlefield einen Hurensohn. Sogar „du bist eine Missgeburt“ soll gefallen sein, was noch eine freundliche Deutung ist.
Wie einst in Sydney verlangte Connors, dass der Schiedsrichter verschwinden solle. Der Unterschied war: Dieses Mal hatte er die Zuschauer auf seiner Seite. Connors gewann den Satz, das Spiel ging in den fünften Satz. Dort führte Krickstein bereits mit 5:2 und war zwei Mal nur zwei Punkte vom Sieg entfernt. Doch Jimbo schaffte das Rebreak. Krickstein war darauf vorbereitet, dass von den 20.000 Zuschauern 19.800 gegen ihn sein würden, und so ließ er, wie der Schiedsrichter „Jimbos“ Beleidigungen, das Zeitschinden von Connors über sich ergehen: „Die Zuschauer hätten das Stadion abgerissen, wenn ich mich beschwert hätte“, fasste Krickstein die Stimmung zusammen. In den Jahren vor der Partie waren die beiden Trainingspartner, besuchten sich auch mal gegenseitig, nach jenem 2. September 1991 sprachen sie 23 Jahre lang kaum ein Wort miteinander. Krickstein warf seinem Landsmann vor, ihn nicht zu respektieren – Vorwürfe, die Connors kalt ließen. Der fünfte Satz ging in den Tiebreak, das Spiel war längst zur größten Party geworden, die das Louis-Armstrong-Stadium je gesehen hatte. Connors gewann den Tiebreak mit 7:4 und damit das Match nach 4.41 Stunden mit 3:6,7:6,1:6,6:3,7:6. Als er nach dem Spiel gefragt wurde, ob er Mitleid mit Krickstein hatte, weil der gegen die 20.000 Zuschauer anspielen musste, sagte Connors: „Hör zu, mit mir hatte auch niemand Mitleid gehabt, als ich aufgewachsen bin.“

Legendärer Ballwechsel
Im Viertelfinale traf Connors auf Paul Haarhuis. Der Niederländer servierte im zweiten Durchgang bei 5:4 auf eine Zwei-Satz-Führung. Connors erspielte sich einen Breakball, bei dem es zu dem vielleicht berühmtesten Ballwechsel der Open-Ära kam: Haarhuis rückte ans Netz vor, schmetterte aber einen kurzen Lob nur halbherzig zurück. Vier Mal hielt Connors den Ball mit einem Lob mit Ach und Krach im Spiel, der vierte war der Beste, Haarhuis musste nun für den Smash bis hinter die Aufschlagslinie, womit er in der Defensive war. „Jimbos“ ersten Passierball brachte der Niederländer noch übers Netz, den zweiten Passierschlag setzte Connors an Haarhuis vorbei. Ein ohrenbetäubender Jubelorkan brandete auf, Connors lief wie in Trance auf die Zuschauer zu und peitschte die Stimmung noch weiter an. Der Publikumsheld hatte das Break – und Haarhuis war gebrochen: Connors gewann in vier Sätzen. Das Turnier wurde zu seiner persönlichen Mondlandung. Im Halbfinale verlor Connors glatt gegen Jim Courier – aber er hatte längst die Herzen gewonnen. Alle konnten sich nun mit dem eigentlich auch jetzt kaum gemäßigten Rabauken identifizieren. Doch seither ist Connors Kult. Den vielen Jahren als Buhmann davor hat die langjährige Nummer eins nie nachgetrauert. Connors ist mit dem Alter zwar ruhiger geworden, bereut jedoch nichts. Keinen Wutausbruch. Keine Eskapade. Auch wenn er es genießt, inzwischen als Held geliebt zu werden. Vielmehr sagt der einstige Bad Boy über sich: „Auf eine gewisse Weise mochte ich den Typen, der ich auf dem Platz war, besser.“ So ist er eben, der Jimmy Connors. Kompromisslos unbequem. Und vielleicht immer noch ein bisschen ein Arschloch – aber inzwischen ein liebenswertes.
Jimmy Connors
Geboren am: 2. September 1952 in Belleville, USA
Profijahre: 1972–1996
Karrierebilanz: 1274:283
Karrieretitel: 109
Höchste Platzierung: 1 – erstmals am 29.7.1974
Wochen als Nummer eins: 268
Nummer eins am Jahresende: 1974–1978
Grand-Slam-Siege: Fünf Mal US Open (1974, 1976, 1978, 1982, 1983); zwei Mal Wimbledon (1974, 1982); ein Mal Australian Open (1974)