Notarztsystem im Bregenzerwald am Limit? Mediziner und Grüne fordern Entlastung

Seit einem Jahr gibt es im Bregenzerwald ein neues Notarztsystem, dem die Grünen eine Anfrage im Landtag widmeten. Das sind die Hintergründe und mögliche Eingriffe.
Von Kurt Bereuter
neue-redaktion@neue.at
Bis vor einem Jahr leisteten im Bregenzerwald die 14 niedergelassenen Allgemeinmediziner mit einer Notarztausbildung den Notarztdienst, vom Herzinfarkt über den Schlaganfall bis zum Verkehrsunfall mit Verletzten. Dieses System funktionierte zwar recht gut, aber es stieß wegen der hohen Belastungen der Allgemeinmediziner an seine Grenzen: Die Nachtdienste, bzw. die Bereitschaftsdienste, waren belastend und zudem hieß es, bei Notfällen am Tag für die Allgemeinmediziner, ihre Praxis zu verlassen und die Patienten warten zu lassen, bis der Notfall für sie abgeschlossen war. Deshalb wurde vor zwei Jahren die Reißleine gezogen. Seit Jänner des letzten Jahres wird der Bregenzerwald nun durch einen Notarztstützpunkt neu versorgt. Stationiert ist dieser in Bezau und wird von einem Pool von ca. 15 Ärzten gemeinsam mit dem Roten Kreuz betrieben. Die Ärzte stammen aus den verschiedenen Krankenhäusern des Landes und melden sich für die Dienste freiwillig. Wenn Lücken entstehen, müssen doch wieder die Allgemeinmediziner des Waldes einspringen.
Daniel Zadra von den Grünen sieht nun das Notarztsystem im Bregenzerwald gefährdet, „es stehe auf dem Spiel“ und damit auch das Leben oder die Gesundheit von Menschen im Bregenzerwald. Die delegierte Landesrätin, die im Bregenzerwald beheimatet ist, erklärte in der Anfragebeantwortung, dass aktuell geprüft werde, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Einbindung von Spitalsnotärzten in das Notarztsystem Bregenzerwald zur durchgehenden Besetzung des Notarztstützpunktes, auch am Tag, möglich wäre. Rüscher: „Zu berücksichtigen ist, dass diese ärztliche Ressource, anders als beispielsweise im Rheintal, nicht parallel für die Arbeit im Krankenhaus herangezogen werden könnte, sondern für den Dienst fix im Bregenzerwald stationiert werden müsste.“
Drei Voraussetzungen
Dr. Margarete Lang-Tschirf, Allgemeinärztin in Schwarzenberg, ist eine der engagierten Allgemeinmedizinerinnen im Wald und „kümmert“ sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen um die notärztliche Versorgung im Bregenzerwald. Sie erklärt, dass es drei Voraussetzungen für einen funktionierenden Notdienst im Bregenzerwald gibt: Erstens braucht es einen 24-Stunden-Dienst an sieben Tagen in der Woche mit einem Notarzt, der im Bregenzerwald stationiert ist, und der von einem ausgebildeten Notfallsanitäter als Fahrer unterstützt wird. Zweitens muss der Notarztstützpunkt von Bezau nach Egg verlegt werden, dann kann er auch den Vorderwald und Alberschwende gut mitanfahren. Und drittens muss der Notarztdienst durch ein oder zwei Krankenhäuser besetzt werden. Dann würde ein größerer Pool von Krankenhausärzten zur Verfügung stehen und der Notarztdienst könnte gesichert werden. Die Bregenzerwälder Allgemeinmediziner könnten so eingebunden werden, ebenso wie Krankenhausärzte, die im Bregenzerwald wohnen.

„Aufgrund des geringen Einsatzaufkommens und der enorm hohen Kosten für ein 24h/7-Dienstrad scheint die Hinzunahme eines Fahrers zumindest am Tag aus Kostengründen nicht vertretbar.“
Martina Rüscher, Landesrätin
Das Kostenargument
Der grüne Landtagsabgeordnete Daniel Zadra schrieb in seiner Anfrage, dass wir zwar über ein gut ausgebautes Gesundheitssystem verfügten und ein funktionierendes Notarztsystem eine entscheidende Säule sei. Diese müsse für das ganze Land sichergestellt sein. Einem Drei-Sprengel-System, mit Vorder-, Hinter- und Mittelwald, wie im ganz alten System mit den niedergelassenen Praktikern, stehen klarerweise Kosten und fehlende Personalressourcen im Wege. Das gilt wohl auch bei kleinen Verbesserungen. Landesrätin Rüscher: „Ein ortskundiger Lenker des Notarztwagens brächte Vorteile, zumal der dann auch für das Equipment und den Zustand des Fahrzeuges verantwortlich wäre, aber die hohen Kosten für ein 24-Stunden-Dienst an sieben Tagen ist aufgrund des geringen Einsatzaufkommens nicht vertretbar.“ In der Nacht gebe es diesen Fahrer.
Notarztwagen
Es gibt für den gesamten Bregenzerwald – Alberschwende wird vom KH Dornbirn angefahren und Doren und Sulzberg vom LKH Bregenz – nur einen Notarztwagen, der zurzeit in Bezau stationiert ist. Von dort muss die gesamte Region – von Riefensberg im Vorderwald bis Damüls und Warth im Hinterwald – abgedeckt werden. Im Extremfall eine lange Distanz, wenn es zu zeitnahen Notfällen an den Peripherien kommt. Eine Verlegung des Standortes an den Verkehrsknotenpunkt Egg wäre somit zentraler und auch die Rotes-Kreuz-Abteilung Egg hätte die entsprechende Infrastruktur und das Personal. Für Rüscher würde dieser Standort den Vorteil mit sich bringen, dass auch die Gemeinden Alberschwende, Doren und Sulzberg dann in das Wälder Notarztsystem eingebunden werden könnten. Das sollte also tatsächlich kommen.

„Der Notarzt-Heli ist eine Ergänzung, aber man kann nicht den Notfalldienst auf ihn aufbauen.“
Dr. Margarete Lang-Tschirf
Notarzt Hubschrauber
„Untertags gibt es teilweise unbesetzte Sprengel, die im Anlassfall durch den Einsatz der Flugrettung bzw. First Responder bzw. durch den Einsatz eines Notarztsystems aus den Krankenhäusern Dornbirn oder Bregenz abgedeckt werden können“, erklärt die Landesrätin in ihrer Anfragebeantwortung. Der Notarzthubschrauber könne schon eine wertvolle Ergänzung sein, erklärt Dr. Lang-Tschirf, aber zu einem Drittel der Zeit könne er nicht fliegen, in der Nacht oder bei Schlechtwetter. Lang-Tschirf: „Der Heli ist eine Ergänzung, man kann aber nicht das Notarztsystem auf ihm aufbauen.“

Anbindung
Für Daniel Zadra muss ein Notarztstützpunkt 24 Stunden an sieben Tagen im Bregenzerwald bleiben. Eine komplette Anbindung an die Krankenhäuser Dornbirn und Bregenz, ohne Stützpunkt im Bregenzerwald, würde wegen der langen Anfahrtswege nicht nur für die Bregenzerwälder und deren Gäste eine Verschlechterung darstellen, sondern auch für die Notfallversorgung im Rheintal, wenn die Notärzte aus den Krankenhäusern im Tal den Bregenzerwald abdecken und länger in den Krankenhäusern nicht zur Verfügung stehen würden. Das Notarztsystem im Bregenzerwald müsse die Rahmenbedingen bekommen, die es brauche. „Die Landesregierung muss jetzt handeln“, erklärt Zadra.
Das sagt Landeshauptmann Markus Wallner
In der Landesregierung ist für die notärztliche Versorgung eigentlich Landeshauptmann Markus Wallner zuständig, nicht die Landesrätin für Gesundheit, Martina Rüscher. Sie leitete unsere Anfrage zu einer Einschätzung an das Büro des Landeshauptmannes weiter. Dieser antwortete: „Wie bereits auch in der Anfragebeantwortung zur Landtagsanfrage der Grünen dargestellt, wurde im Jänner 2024 die notärztliche Abdeckung durch das Notarztsystem Bregenzerwald mit einem Stützpunkt in Bezau und der möglichen Beteiligung von externen Ärztinnen und Ärzten neu organisiert. Zugleich wurde auch der kurative Bereitschaftsdienst Nacht in das System eingebunden. Insbesondere tagsüber sind immer wieder einzelne Sprengel oder Dienste nicht besetzt. Im Einsatzfall kann hier durch den Einsatz anderer notärztlichen Versorgungsstrukturen, wie zB. Flugrettung, First Responder oder auch durch den Einsatz des Notarztsystems aus den Krankenhäusern Dornbirn oder Bregenz eine notärztliche Versorgung abgedeckt werden. Auch wird die notärztliche Versorgung im Bregenzerwald durch das derzeit laufende Pilotprojekt ,Telenotarzt’, bei dem eine notärztliche Expertise digital hinzugezogen wird, weiter unterstützt.”

Aktuell werde geprüft, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Einbindung von Spitalsnotärzten in das Notarztsystem Bregenzerwald zur durchgehenden Besetzung des Notarztstützpunktes auch am Tag möglich sei. Dazu der Landeshauptmann weiter: “Zu berücksichtigen ist, dass diese ärztliche Ressource anders als beispielsweise im Rheintal nicht parallel für die Arbeit im Krankenhaus (z.B. in der Anästhesie/Intensivmedizin) herangezogen werden könnte, sondern für den Dienst fix im Bregenzerwald stationiert werden müsste. Hier werden verschiedene Aspekte derzeit geprüft. Zur zeitlichen Komponente diesbezüglich kann keine Aussage getroffen werden; eine nachhaltige Sicherstellung der notärztlichen Versorgung im Bregenzerwald steht im Vordergrund und ist eine breite Einbindung relevanter Akteure dazu notwendig. Ziel der intensiven Bemühungen ist jedenfalls die weitere und vA langfristige Sicherstellung der notärztlichen Versorgung im Bregenzerwald.”