„Stationsäquivalente Behandlung“: Psychiatriestrategie setzt auf Versorgung zuhause

Wie die NEUE berichtete, soll es laut neuer Psychiatriestrategie des Landes Vorarlberg in Zukunft „Integrierte Versorgungsstrukturen“ geben, dazu zählen neben der Behandlung zuhause der Ausbau von „aufsuchenden Akutbehandlungsangeboten“. Die NEUE hat im Landeskrankenhaus nachgefragt.
Wie zufrieden sind Sie denn grundsätzlich mit der neuen Psychiatriestrategie des Landes?
Bettina Grager: Grundsätzlich ist es eine gute Strategie, in der uns auch ein paar Ansätze entgegenkommen.
Jan Di Pauli: Es ist eine fortschrittliche Strategie, die „ambulant vor stationär“ fördern soll und wenn man es schafft, das umzusetzen, geht es in die richtige Richtung.
Hier fehlt noch die Digitalmedizin, die immer wieder erwähnt wird.
Grager: Bei der Telemedizin ist noch vieles offen und nicht geklärt, würde aber einiges erleichtern. Allerdings muss die Barrierefreiheit mitgedacht werden, gerade bei älteren Patienten, aber sie hat Potential, bei dem es noch einiges zu tun gibt.
Bei der integrierten Versorgungsstruktur wird schon seit mehr als zwei Jahren ein Projekt einer „stationsäquivalenten Behandlung“ (StäB) außerhalb des Krankenhauses entwickelt.
Grager: Die Idee dafür ist sogar älter, aber im letzten halben Jahr wurde das Projekt von der Entwicklungsgruppe nicht so intensiv verfolgt, weil es dafür 2026 kein Budget gibt. Die Landesrätin hat uns empfohlen, für das Budget 2027 für dieses Projekt wieder anzusuchen.
Was wäre denn das Ziel von „StäB“?
Grager: Es handelt sich um Patienten, die eine stationäre Behandlung benötigen, die aber nicht im Krankenhaus aufgenommen werden würden, sondern zu Hause betreut würden, wie eine „Station ohne Betten“ – das Bett steht zu Hause. Aber es braucht ein ganzes interprofessionelles Stationsteam zur Patientenversorgung, mit demselben Anspruch wie im Krankenhaus. Die Patienten würden zwei bis dreimal täglich von den verschiedenen Berufsgruppenangehörigen zuhause besucht werden. In der Nacht und am Wochenende wäre ein Bereitschaftsdienst vorgesehen.
Jan Di Pauli: Man muss sich vorstellen, dass es sich um krankenhauspflichtige Patienten handelt, die zuhause behandelt werden würden. Es gibt Patienten, die davon profitieren, dass sie in der vertrauten Umgebung verbleiben, vor allem auch ältere Patienten, oder Menschen die Betreuungspflichten haben. Es gibt jedoch Ausschlussgründe für eine Behandlung außerhalb des Krankenhauses, etwa bei Selbstgefährdung oder bei schweren Suchterkrankungen.

„Bei der stationsäquivalenten Behandlung zuhause braucht es ein ganzes interprofessionelles Stationsteam zur Patientenversorgung, mit demselben Anspruch wie im Krankenhaus.“
Bettina Grager, Primaria Gerontopsychiatrie
Und wie unterscheidet es sich vom Home-Treatment?
Di Pauli: Es ist eine Frage der Definition, aber „StäB“ ist schon viel mehr als nur ein wöchentlicher Besuch zuhause, es ist eine Behandlung, die krankenhausvergleichbar ist. Also viel intensiver als eine ambulante Behandlung. Beim Home-Treatment reden wir eher von nicht krankenhauspflichtigen Patienten, bei „StäB“ sind es krankenhauspflichtige Patienten.
Grager: Mit dem Namen „StäB“ sind wir noch nicht glücklich und die Station wird dann auch nicht so heißen. „StäB“ ist eine intensive Behandlung zuhause. Das gibt es in Österreich so noch nicht. Wir sind Spezialisten für stationäre Behandlung und tragen dieses Wissen bei „StäB“ nach Hause zum Patienten durch die verschiedenen Berufsgruppen, vom ärztlichen Personal über die Therapeuten bis zu den Sozialarbeitern. Der große Unterschied ist die „Krankenhausbehandlung“, die wir hier außerhalb des Krankenhauses anbieten.
In Finnland gibt es mit dem „Open Dialogue“ die Behandlung von psychiatrischen Patienten in ihrem Zuhause, inklusive dem Sozialsystem rundherum, vor allem der Familie. Wie wird denn das Sozialsystem der Patienten beim „StäB“ integriert?
Grager: Wir brauchen das Commitment von im Hause lebenden Menschen, dass wir dort behandeln können und dürfen, die müssen das mittragen und aushalten. Aber wir werden keine Angehörigenarbeit im Sinne von Psychotherapie oder Psychoedukation für diese anbieten. Wir brauchen einen Raum und haben auch eine Schweigepflicht gegenüber unseren Patienten. Es geht um die Patienten, die Angehörigen können unter Umständen mitlernen. Fallweise kann Angehörigenarbeit notwendig sein. Grundsätzlich sind jedoch die Angehörigen nicht bei der Behandlung der Patienten dabei.
Diese Leistungen sollen von krankenhausbasierten Teams erbracht werden, wie es in der Strategie heißt. Ab wann soll es dieses Angebot geben?
Di Pauli: Wenn wir das Budget kriegen, werden wir das schrittweise aufbauen und Erfahrungen sammeln. Wir werden mit Patienten, die schon stationär sind, in diese stationsäquivalente Behandlung starten. Aber am Ende soll es eine Alternative zur intramuralen Aufnahme im Krankenhaus sein. Das kann therapeutisch von Vorteil sein, aber es gibt immer auch Patienten, die im Krankenhaus betreut werden müssen.
Gibt es denn das Personal im Krankenhaus, das hinausgehen würde und die Behandlung vor Ort leisten möchte?
Di Pauli: Es gibt in jeder Profession im Krankenhaus Menschen, die sich das vorstellen können, draußen zu arbeiten. Die arbeiten auch in der Projektentwicklung mit und können sich das gut vorstellen.

„Es gibt Patienten, die davon profitieren, dass sie in der vertrauten Umgebung verbleiben, vor allem auch ältere Patienten oder Menschen die Betreuungspflichten haben.“
Jan Di Pauli, Primar Erwachsenenpsychiatrie
Und wann kommt es wirklich? 2026 gibt es kein Budget für eine Entwicklung dieses Angebotes?
Grager und Di Pauli: Wir können das nicht sagen, am liebsten übermorgen, aber auch für 2027 ist noch kein Budget für diese Maßnahmenentwicklung gesichert. Wir werden uns darum bemühen.
Dezidiert genannt wird in der Strategie die „Stärkung der zentralen Fallsteuerung“. Wer soll die tatsächlich leisten?
Grager: Wir sind ein Krankenhaus und haben unseren klaren Versorgungsauftrag. Wir möchten eingebunden sein, was die Konzeptentwicklung zur Fallsteuerung betrifft, aber wir werden diese nicht leisten können. Da wird es noch Konzepte brauchen, um das zu klären.
Di Pauli: Die Primäre Fallbetreuung vor Ort, in den Gemeinden oder Sozialräumen, hätte klare Vorteile. Wir wissen noch nicht, was die Sozialräume, die entwickelt werden sollen, übernehmen werden können. Aber die räumliche Nähe zum Patienten hätte sicher Vorteile. Wir sind über alle Maßnahmen froh, die die Schnittstellenarbeit verbessern und erleichtern.
Ein offener Punkt aus dem alten Konzept ist die „Aufsuchende Krisen- und Notfallhilfe außerhalb normaler Dienstzeiten“. Wer soll das in Zukunft machen?
Di Pauli: Der Krisendienst gehört nicht zu uns, der wird eher bei der Pro mente oder beim aks angedockt sein.
Die Krisenhotline, die laut Konzept entwickelt werden soll, wer soll die aufbauen und betreuen?
Grager: Das ist auch noch offen und wird nicht von uns geleistet werden können. Da gibt es jetzt noch zehn Jahre Zeit aus der Idee konkrete Maßnahmen zu gießen. Wir leisten gerne unseren Beitrag, aber im Rahmen unseres Auftrages und unserer Möglichkeiten. Und dann braucht es auch noch die Budgets zur Entwicklung der einzelnen strategischen Felder.
Zehn Jahre sind eine lange Zeit
Es sind jetzt zehn Jahre, die Strategie umzusetzen. Aus dem letzten Zehn-Jahres-Plan „Psychiatriekonzept 2015 – 2015“ blieb der Punkt 10 offen, die „aufsuchende Krisen- und Notfallhilfe außerhalb normaler Dienstzeiten“. Diesmal sollte es klappen, diese zu implementieren. Wenn dann auch noch das Home-Treatment und die „stationsäquivalente Behandlung“, die zentrale Fallsteuerung und eine Krisenhotline Realität werden, hätte das Strategiepapier seine Ziele erreicht. Innerhalb von zehn Jahren sollte das möglich sein.
Kurt Bereuter