Unwissenheit als Gefahr – Herdenschutz bei Masern bedroht

Per 1. Jänner 2026 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Österreich den Status „masernfrei“ aberkannt. Die NEUE hat sich bei Kinderärztinnen und beim Landesamt umgehört.
Erschütternd“: So beschreibt Alexandra Rümmele-Waibel, Kinderärztin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte, die Stimmung bei den Ärzten. Vorangegangen war, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Österreich den Status „masernfrei“ entzogen hat.
„Masernfrei“ ist in diesem Zusammenhang allerdings nur teilweise korrekt. Die WHO spricht von „eliminiert“, was sich aber auf die Infektionskette bezieht, nicht auf die reelle Anzahl an Masernfällen. Gibt es in einem Land keine Infektionsketten, die mindestens zwölf Monate dauern, gelten die Masern dort als eliminiert. So einfach diese Erklärung. Das bedeutet, in Österreich haben sich Menschen ununterbrochen über die letzten zwölf Monate mit Masern angesteckt, es kam also zu einer Häufung, statt nur Einzelfällen.
Schwerwiegende Folgen möglich
Zentral ist im Kontext der Masern der sogenannte Herdenschutz, also eine flächendeckende Immunität gegen die Krankheit. Sei es durch Vorerkrankung, sei es durch Impfung. Rümmele-Waibel betont dessen Bedeutung für Kleinkinder: In den ersten neun Lebensmonaten ist das ihr einziger Schutz. In Ausnahmefällen kann im Alter von sechs Monaten eine Impfung verabreicht werden.
Die Sterblichkeitsrate einer Masernerkrankung ist bei Kleinkindern unter fünf Jahren am höchsten: Von weltweit rund 95.000 Todesfällen in 2024 entfiel der Großteil auf diese Altersgruppe. Nichtsdestotrotz können Masern jeden treffen, vom Kleinkind bis zum Erwachsenen.
Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass es im Zuge von Masern zu anderen Krankheiten kommen kann. Laut Landesamt Vorarlberg umfassen die Risiken: Ungefähr 20 Prozent der Erkrankten sind von Bronchitis, Mittelohr- und/oder Lungenentzündung betroffen, ein bis zwei Prozent erleiden Gehirnentzündungen. Masern haben mitunter tiefgreifende Folgen für das Immunsystem, da dieses auf Jahre hinaus massiv geschwächt wird. Das österreichische Sozialministerium stellt zum Thema klar: „Masern sind alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit.“
Reyhan Tschiderer, Kinderärztin und Impfreferentin des Landes Vorarlberg, befürchtet: „Andere Krankheiten können durch die Masernausbreitung ebenfalls zurückkehren.“
Impfskepsis und KI
Ein Thema, das bei Masern im Fokus steht, ist die Impfung. Wichtig zu wissen: Die Kosten für MMR-Impfungen werden vollständig von den Krankenkassen übernommen.
Entsprechend dem Sozialministerium sei ein ausreichender Gemeinschaftsschutz bzw. Herdenschutz ab einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent mit zwei Dosen gegeben. In Österreich wird hierzu ein Dreifachimpfstoff (MMR: Masern, Mumps und Röteln) verabreicht.
Sowohl Tschiderer als auch Rümmele-Waibel sehen die größte Problematik darin, dass viele Erwachsene ihren Impfstatus nicht kennen oder nur einmal geimpft wurden. Übertragungen können hierdurch schnell unwissentlich geschehen.
Beide sehen, dass die Impfskepsis seit der Coronapandemie gewachsen sei. Dennoch nehmen die Menschen Beratung und Aufklärung zu Impfungen grundsätzlich positiv an. Der Aufwand für Beratung sei allerdings zeitintensiver geworden. Neben der Impfskepsis spiele auch eine große Rolle, dass viele Menschen sich vor dem Arztbesuch im Internet über Suchmaschinen und KI über Symptome und Behandlungen erkundigen. Beide warnen ebenso wie die Landespressestelle Vorarlberg diesbezüglich vor Fehlinformationen.
Tschiderer sieht hier auch die Ärzte in der Verantwortung: „Wir müssen uns kontinuierlich weiterbilden, um angesichts neuer Technologien stets im Bilde zu sein.“
Rümmele-Waibel schlägt, dass die Krankenkassen die Kosten für Impfberatungen ebenfalls übernehmen. „Da muss ein Umdenken stattfinden“, betont sie.
15-30-Jährige als “Immunitätslücke”
Die Landespressestelle Vorarlberg beschreibt aktuell eine „Immunitätslücke“ bei den 15- bis 30-Jährigen gegenüber Masern. Dafür ausschlaggebend sind drei Faktoren. Rund 91 Prozent dieser Altersklasse haben beide MMR-Dosen erhalten – vorarlbergweit fehlt somit rund 7200 Personen der vollständige Impfschutz. Da Masern seltener wurden, kommt hinzu, dass die meisten Personen dieser Altersgruppe keine Immunität durch eine Vorerkrankung haben. Ältere Generationen hätten sich infiziert, als die Masern noch häufiger waren. Zuletzt sind 15- bis 30-Jährigen viel unterwegs, was zu einer höheren Ansteckungsgefahr führt.
Symptome und Folgen
Masern zeigen sich durch einen Ausschlag im Gesicht und am Nacken. Dieser breitet sich über drei Tage hinweg aus und bleibt ungefähr fünf bis sechs Tage bestehen, ehe er abklingt.
Allerdings gibt es auch frühe Symptome wie Nasenrinnen, Husten, rote und wässrige Augen sowie weiße Flecken an der Wangeninnenseite. Neben den bereits genannten Komplikationen können auch Blindheit sowie Durchfall und damit einhergehende Dehydrierung eintreten. Die meisten Tode im Zusammenhang mit Masern werden durch die Komplikationen verursacht.
Eine Infektion während der Schwangerschaft kann zu einer Frühgeburt führen. Auch Vor- und Autoimmunerkrankungen können erschwerend wirken.
Bei Masern handelt es sich um ein hochansteckendes Virus. Es kann durch Husten, Niesen und sogar rein durch gemeinsame Atemluft mit einer infizierten Person übertragen werden.