Wann künstliche Intelligenz zum “Kriegsspielzeug in Kinderhänden” wird

Publizist Wolf Lotter warnt vor einem gefährlichen Missverständnis im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). Im NEUE-Interview führt er aus, warum hier Kreativität gefragt ist und wie er über das geplante Social-Media-Verbot denkt.
Zu Beginn ein Zitat von Papst Leo XIV.: „Ein großer Teil der menschlichen Kreativindustrie läuft Gefahr, abgebaut und durch das Label ‚Powered by AI‘ ersetzt zu werden.“ Wie ordnen Sie diese Einschätzung ein?
Wolf Lotter: Es ist eine Tatsachenbeschreibung und ich finde es ausgezeichnet, dass sich das Oberhaupt der Christenheit um diese Frage kümmert. Denn es ist eine entscheidende Frage, nicht nur für kreative Berufe, sondern für alle anderen auch, nur haben die es noch nicht verstanden. Die Leute glauben, dass Kreativität auf Knopfdruck zu haben ist, weil sie gewohnt sind, dass man alles haben kann, was man will, was eine Lüge ist. Das ist ein großes Unglück, denn wir leben in einer Zeit, in der Innovationen und Problemlösungen mit dem Kopf gemacht werden müssen – der ist unser wichtigstes Kapital. Wenn die Vorstellung herrscht, man braucht nicht mehr zu denken, weil KI das für einen tut, sind wir wirtschaftlich verloren.
Zuletzt wurde der Fall eines steirischen Strafverteidigers bekannt, der eine KI-generierte Revision an den Obersten Gerichtshof schickte, die erfundene Urteile enthielt. Ein weiteres Symptom für falsche KI-Nutzung?
Lotter: Ergänzend dazu gibt es auch einen Release von ChatGPT, in dem es Leuten ermutigt, ihre Tabletten abzusetzen. Das ist nackter Wahnsinn. Warum ist das so? Weil die Anbieter diese Modelle so programmieren, dass sie Menschen nach dem Mund reden. Das trifft auf eine Gesellschaft, die sich nicht anstrengen will und die auch nicht mehr zweifelt. Die KI selbst wäre ein tolles Werkzeug, um uns zu unterstützen, denn sie ist nichts anderes als eine gute Datenbank. Aber sie wird bei Leuten, die mit Wissen und Kreativität nicht umgehen können, zum Kriegsspielzeug in Kinderhänden. Und das ist wahnsinnig gefährlich.

Wo führt aus Ihrer Sicht anhand dieser Gefahren den richtigen Weg im Umgang mit KI entlang?
Lotter: Wenn ich sage, dass die KI nichts anderes abbilden kann als Menschliches, würde ich logischerweise zunächst darüber nachdenken: Was ist dieses Menschliche? Was macht Kreativität aus? Wie schaut es an Schulen und in der Erwachsenenbildung dazu aus? Wir sind eine Wissensökonomie, die ihr eigenes Kapital nicht schätzt. Das heißt, dass wir erkennen müssen, womit wir unser Geld verdienen: Nämlich mit Innovation, mit Problemlösung und mit dem Weiterdenken von Bestehendem. Dafür braucht es Bildung und ein Verständnis von Zusammenhängen in der Welt.
Müssten wir in den Schulen also vor dem Umgang mit KI den Umgang mit Kreativität lehren?
Lotter: Ja, und zwar den entspannten Umgang, sodass die Schüler wissen, dass Kreativität etwas zutiefst Menschliches ist, was man nicht durch Routinearbeit oder Auswendiglernen unterdrücken soll. Wir haben den Verstand nur deshalb, weil wir etwas Neues schaffen sollen. Für Routine brauchen wir ihn nicht.
In der Berufswelt herrscht vielerorts die Angst, der Mensch würde durch KI ersetzt werden. Zurecht?
Lotter: KI ersetzt Routinearbeiten. Das ist Teil der Automatisierung, das gab es früher auch schon. Damals waren es die Handgriffe in der Fabrik, heute sind die Handgriffe der Sachbearbeiter. Manager sind auch Menschen, die per Definition Dinge richtig machen. Auch sie machen Routinearbeit. Im Grunde genommen kann man 90 Prozent ihrer Tätigkeit – Handbuchwirtschaften, Methoden, Formelgläubigkeit – leicht durch eine Maschine ersetzen, viel leichter als einen Handwerker. Wer im Management nicht betroffen sein wird, sind die echten Führungskräfte, die dafür sorgen, dass andere sich entwickeln und ihre individuelle Arbeit machen können. Eine gute Führungskraft wusste immer schon, dass die Leute, die für sie arbeiten, besser sind als sie selbst. Die anderen werden es jetzt auf die harte Tour lernen.

KI-gesteuerten Algorithmen beeinflussen in sozialen Medien unsere Meinungsbildung enorm. Inwiefern ist hier staatliche Regulierung geboten?
Lotter: Im Allgemeinen glaube ich nicht an die staatliche Regulierung, in diesem Fall glaube ich aber sehr daran. Es muss eine harte Regulierung von Google, Facebook, Meta und Konsorten geben, wo man hohe Abgaben einfordert und aus diesen Alternativen fördert – kleine, unabhängige Start-ups, die sich bei uns mit KI und mit der Frage von öffentlichen Netzwerken beschäftigen. Ein Irrtum ist der Glaube, man lässt alle „alten Medien“ sterben und dann steht man vor der Wahl zwischen Herrn Zuckerberg und Herrn Bezos. Das ist eine Wahl, die der Demokratie schadet, denn das sind die Parteigänger von Donald Trump und was der vorhat, ist nicht einmal dem naivsten Zeitgenossen verborgen geblieben.
Wie gebietet man KI-generierten Deepfakes Einhalt?
Lotter: Wir haben noch nicht gelernt, kritisch mit dem umzugehen, was uns das Web täglich präsentiert. Das ist ganz fürchterlich. Wir müssen lernen, dass die Dinge, die wir sehen, oft nicht Wirklichkeit sind, sondern manipuliert. Und das ist in einem visuellen Zeitalter schwer. Das ist wieder eine Bildungsfrage: Zweifle daran, was du siehst.
Was halten Sie vom geplanten Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren?
Lotter: Ich halte den Grundansatz für sehr sinnvoll und würde mir schon fast überlegen, ob 16 da nicht besser wäre. Das klingt furchtbar rückständig und großväterlich, aber wenn das Potenzial der Manipulation, das in diesen „Dreckschleudern“ steckt, ansieht, dann darf man das nicht auf Kinder loslassen. Es gibt bestimmte Filme, die man erst ab 16 oder 18 sehen darf, aber TikTok und Instagram kann man sich die ganze Zeit reinziehen. Darüber hinaus fordere ich auch eine Klarnamenpflicht für Erwachsene im Internet.
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Das würde die Strafverfolgung bei Hassreden im Internet deutlich erleichtern.
Lotter: Zuallererst würden sich die Leute überlegen, ob sie überhaupt Hatespeech machen. Es gibt Menschen, die glauben, im Schutze der Dunkelheit können sie jedes Verbrechen und jede Diffamierung begehen. Aber wenn sozusagen ein Lämpchen an ist und die Adresse und der Name ersichtlich ist, werden die Leute plötzlich viel genauer überlegen, was sie sagen.
Das Interview in Video-Form
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zur person
Wolf Lotter (*1962 in Mürzzuschlag) ist ein deutsch-österreichischer Autor, Publizist, Journalist und Keynotespeaker. In seinem neuesten Buch „Digital Erwachsen. Streitschrift für mehr natürliche Intelligenz“ (2025; Verlag Haufe-Lexware) setzt er sich kritisch mit der unreflektierten und naiven Nutzung digitaler Technologien auseinander.
Am Donnerstagbend (05.02., 19 bis 21 Uhr) ist gemeinsam mit Helga Kohler-Spiegel und Hubert Rhomberg für den Themenabend „Digital Erwachsen“ im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis zu Gast.
Moderation: Bettina Steindl

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)