TBC-Seuchenbekämpfung – Erfahrungen aus der Praxis

Unter diesem Titel “TBC-Seuchenbekämpfung – Erfahrungen aus der Praxis” wurde am Dienstag im vollbesetzten Großdorfer Landammannsaal referiert und diskutiert. Den Auftakt machte der ehemalige Amtstierarzt aus Reutte, der über die Seuchenbekämpfung mittels Reduktionsgattern im Tiroler Lechtal berichtete.
Tierarzt Johannes Fritz ist pensioniert und das erlaube ihm, frei von der Leber reden zu können. Er verdeutlichte zu Beginn, dass TBC noch immer weltweit der „größte Infektionskiller“ sei, 4000 Menschen würden täglich daran sterben. Eher in medizinisch schlecht entwickelten Regionen, in unserer Region ist es eher eine Tierseuche, die bei Wild und eben Nutzvieh grassiere und immer wieder müssten deshalb ganze Rinderbestände von Landwirten gesperrt oder gar gekeult werden. Er appellierte an die Bauern, diese Maßnahmen, wie die Keulung von Beständen oder die diagnostischen Tötungen von Rindern zu akzeptieren. Fritz: „Das ist leider nicht zu vermeiden und die einzig richtige Entscheidung, um TBC in den Griff zu bekommen.“

Regulierungsgatter
Eine Ansteckung von Rindern durch von TBC befallenem Rotwild auf Alpflächen sei nicht verhinderbar, höchstens beeinflussbar. Denn einerseits sei der TBC-Erreger in der Natur vorhanden und zum anderen verlaufe die Infektion von Rotwild auf Vieh nicht über die Tröpfcheninfektion, wie innerhalb der Viehbestände, sondern der Kot auf den Weiden oder bei Fütterungen sei das Hauptrisiko. Fritz: „Dort kann dieser Erreger bei guten Bedingungen auch zwei Jahre überleben und das ist ein Riesenproblem in der Seuchenbekämpfung.“
Aufhorchen ließ er dann mit seiner Aussage, dass die TBC-Situation mit bloßer Bestandsreduzierung nicht in den Griff zu bekommen sei, sondern es brauche eine komplette Eliminierung von Rotwild in den Hotspots, die Schaffung eines Vakuums. Innerhalb von ein oder zwei Jahren würde sich dieses wieder füllen, hoffentlich durch Zuwanderung aus möglichst gesunden Rotwildbeständen. So wurden im Lechtaler Steeg, wo zeitweise bis zu 40 landwirtschaftliche Betriebe bis zu vier Monaten gesperrt waren, innerhalb von Jahren zwei Regulierungsgatter errichtet und „der Hotspot“ beseitigt. Anschließend gingen die Infektionszahlen bei Nutzvieh rapid zurück, von 2017 bis 2020 habe es gar keinen Eintrag mehr gegeben, jetzt würde es wieder Einzelfälle geben, so Fritz.

„Wenn jetzt die Abschusszahlen nicht hoch genug angesetzt werden, erleben wir ein Desaster.“
Hannes Kohler, Tierarzt
Stiller Protest der Jäger
Bei Reduktionsmaßnahmen von Rotwildbeständen sei in Kaisers, wo 2020 ein weiteres Reduktionsgatter errichtet wurde, zuvor bei den Abschussforderungen zu einem „stillen Protest“ der Jäger gekommen, indem sie die Abschusszahlen nicht erfüllten. Einerseits mit der Begründung, dass es nicht möglich gewesen sei, diese zu erfüllen und zum anderen seien auch die rechtlichen Möglichkeiten gegen die behördlichen Anordnungen ausgeschöpft worden. Diese Beschwerden dauerten im Minimum zwei Jahre und eventuelle Strafen seien lapidar gewesen oder gar rechtlich bekämpft worden. Erst durch eine gesetzliche Änderung sei es 2019 „im Namen der Republik“ möglich geworden, in Kaisers einen weiteren Hotspot mittels Reduktionsgatter zu eliminieren. Im Februar 2020 sei dieser in Betrieb gegangen und im Gatter seien mit 37 Schüssen 34 Stück Rotwild erlegt worden.
Lauter Protest der Öffentlichkeit
Anders als zuvor in Steeg, wo die ganze Bevölkerung unter der TBC-Situation im Dorf gelitten habe, gingen von der Tötung im Ort Kaisers Bilder an die Öffentlichkeit und die führten zu einer regelrechten Hetzjagd gegen die Verantwortlichen der „Tötungsaktion“, wie sie genannt wurde. Kerzen für die Tiere seien aufgestellt, die Beteiligten als Mörder bezeichnet worden, und die „Grünen“ und die „Blauen“ hätten sich samt dem Bischof gegen das „Hinmetzeln der Kreatur“ gegen die Maßnahme verbündet. Fritz: „Die Bilder aus dem Gatter sind nicht schön, aber die von einer Bestandskeulung bei Nutzvieh eben auch nicht, daran führt aber kein Weg vorbei, wenn es zu einer Durchseuchung gekommen ist.“

„Wenn nichts geschieht, wird die Alpwirtschaft in diesen Gebieten verloren gehen und es wird dort nur mehr ein Wildreservat geben.“
Klaus Schwarz, Waldverein Vorarlberg
Gesetzliche Grundlagen ungenügend
Sein Fazit lautete, dass die gesetzlichen Grundlagen für eine effiziente Seuchenbekämpfung immer noch ungenügend seien, von Juristen ausgehebelt werden können und die Strafen lapidar seien. So bleibe der Problemhirsch weiter ein Problemhirsch und es werde im Tirol, in Vorarlberg, aber auch in Bayern zu wenig getan, um die Seuche in den Griff zu bekommen. Vorarlberg habe überdies die Situation viel zu lange kleingeredet, machte der Tierarzt keinen Hehl aus seiner Meinung.
Wie viel Wild verträgt der Wald?
Mitveranstalter Tierarzt Hannes Kohler erklärte, dass er schon vor Jahren den Landesrat darauf hingewiesen habe, dass die Wilddichte im Bregenzerwald viel zu hoch sei und, dass die Fütterungen in diesem Ausmaß aufgelöst gehörten, wie auch der anwesende ehemalige Landesveterinär, Erik Schmid, immer gefordert habe. Dass die Wildzählungen nicht korrekt sind, bestätigte ja auch Landesrat Christian Gantner in einer Landtagsanfrage der ebenfalls anwesenden Grünen Christine Bösch-Vetter. Kohler: „Wenn jetzt die Abschusszahlen nicht hoch genug angesetzt werden, erleben wir ein Desaster“. So brachte er eine Forderung des „Arbeitskreises TBC“ neuerlich auf den Punkt. Dieser Forderung schloss sich auch Klaus Schwarz, Obmann des Vorarlberger Waldvereins, angesichts des Wildverbisses in unseren Wäldern an. Wenn das nicht geschehe, drohe in unserem Wald ein Verlust, der die Jagdpacht bei weitem übersteige, appellierte er an die Verantwortung der Grundeigentümer. Die hätten es in Händen, welche Jäger sie mit den Aufgaben betrauen und wem sie vertrauen. Zum Schluss zitierte er einen Montafoner Jäger, der gemeint habe, dass man hoffentlich im Bregenzerwald klüger sei als im Silbertal, dort sei die Situation auch nach 10 Jahren nicht gelöst. Schwarz: „Wenn nichts geschieht, wird die Alpwirtschaft in diesen Gebieten verloren gehen und es gibt dort ein Wildreservat.“

„Die Bilder aus dem Reduktionsgatter sind nicht schön, aber die von einer Bestandskeulung bei Nutzvieh eben auch nicht.“
Johannes Fritz, ehemaliger Amtstierarzt aus dem Tiroler Lechtal
Eine hitzige Diskussion
Eine hitzige Diskussion. In der anschließenden Diskussion meldeten sich auch einige Jäger zu Wort und hinterfragten manche Aussagen des pensionierten Amtstierarztes, durchaus mit Emotionen, aber doch sachlich. Dass die alleinige Fokussierung auf die Prävalenz bei erlegtem Rotwild für eine Einschätzung der richtigen Maßnahmen nur bedingt geeignet ist, wurde durch den ehemaligen Vorarlberger Landesveterinär Erik Schmid erklärt. Schmid: „Wenn an einer Fütterung 400 Tiere bei einer Prävalenz von drei Prozent zusammenkommen, sind zwölf Tiere Infektionsträger und verbreiten den Erreger.“
Dramatische Bestandsreduktion
Am Ende des Abends bleibt wohl die Erkenntnis zurück, dass im Sinne des Waldes, im Sinne der Alp- und Landwirtschaft, im Sinne des Tierschutzes, aber auch im Sinne einer hegegerechten Jagd eine gravierende Reduzierung von Rotwild unumgänglich ist. Reduzierungsgatter scheinen nach den Ausführungen des ehemaligen Lechtaler Amtstierarztes das letzte Mittel der Wahl, sind aber weder tierschutzgerecht noch jagdgerecht und auch nicht hundertprozentig sicher, weil TBC ein Teil der Natur ist, wie der Referent ausführte. An einer langfristigen Reduktion der Bestände scheint kein Weg vorbeizuführen. Dieser Meinung schloss sich auch das Gesundheitsministerium 2020 an und bestätigte, dass die „Gatterjagd“ zwar tiergerecht ausgeführt wurde, dass aber das Reduktionsgatter höchstwahrscheinlich vermeidbar gewesen wäre, wenn die Abschussquoten zuvor erfüllt worden wären. Dass die Fütterungen in der Verbreitung von TBC über die massiven Ansammlungen eine entscheidende Rolle spielen und zu überdenken sind, betonte der anwesende ehemalige Landesveterinär Erik Schmid. Tierarzt Hannes Kohler, wollte zwar nicht „reden“, wie ein Politiker, aber es sei tatsächlich ein gemeinsames und entschlossenes Agieren notwendig, weil so weitergehen wie bisher, dürfe es nicht. Wieder einmal blieb der Eindruck zurück: „Botschaft angekommen.“ Es liegt jetzt an der Umsetzung, inklusive der massiv zu erhöhenden Abschusszahlen.