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Kokain boomt, Angst wächst: Was Suchtberater in Vorarlberg alarmiert

19.06.2026 • 13:32 Uhr
Kokain boomt, Angst wächst: Was Suchtberater in Vorarlberg alarmiert
Die NEUE im Gespräch mit der Suchtberatungsstelle “Die Fähre”. Hartinger

Die Suchtberatungsstelle “Die Faehre” hat der NEUE Einblicke in ihre Arbeit gegeben. Sie sprechen über Strukturen, Gefühlsarbeit, Beziehungen und die Suche nach einem Sinn.

“Wenn du dem Menschen das Wichtigste nimmst, dann hast du keine Chance.” Diese Worte hat Martin Schwall nie vergessen. Sie stammen vom ehemaligen Leiter der größten Suchtklinik Europas. Im Kern bedeuten sie, dass Drogen im Leben von Suchtpatienten an Stellenwert verlieren und andere Prioritäten an Bedeutung gewinnen müssen, um eine Abhängigkeit zu überwinden.

“Das habe ich all die Jahre mitgenommen. Es geht darum, dass wir einen Sinn darin sehen, damit aufzuhören. Nicht nur, weil die Polizei oder der Richter das sagt. Dann entsteht oft Trotz”, erklärt Schwall.

Kokain boomt, Angst wächst: Was Suchtberater in Vorarlberg alarmiert
Sozialpädagoge Martin Schwall. Hartinger

Die NEUE hat die Suchtberatungsstelle “Die Faehre” in Dornbirn besucht. Geschäftsführende Gesellschafterin Isabella Abler und Sozialpädagoge Martin Schwall erzählen über aktuelle Herausforderungen, die Auseinandersetzung mit Gefühlen und zeigen, wie Symbole Situationen erfahrbar machen.

Klienten aus der ganzen Gesellschaft

Laut Abler und Schwall sind Klienten jeder Altersgruppe bei ihnen, von elf bis über 80 Jahren, die sich über alle Gesellschaftsschichten erstrecken. Neben der Drogenberatung bieten sie auch Unterstützung bei anderen Abhängigkeiten wie Kauf- oder Spielsucht. Deshalb benannte sich “Die Faehre” vor zirka 15 Jahren um: Ehemals als “Ihre professionelle Drogenarbeit” bezeichnet sich die Organisation nun als “Ihre kompetente Partnerin in Suchtfragen”.

Angehörige von Menschen mit Suchtproblematik können sich ebenfalls an die Organisation wenden. Sie machen rund ein Drittel der Klienten aus. Ein weiteres Drittel erscheint auf Anordnung, beispielsweise durch das Gericht. Die restlichen Personen kommen freiwillig.

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Geschäftsführende Gesellschafterin Isabella Abler. Hartinger

Abler erklärt, dass sich das Anfrageverhalten bei “Die Faehre” verändert hat. Seit der Covid-Pandemie gebe es kein “Sommerloch” mehr, wo Anfragen zurückgehen. Heuer gebe es erstmals eine Warteliste, doch Abler stellt klar, dass dies nicht alle betreffe. Personen in Krisen, Vor- oder Nachbetreuung und auf Weisung bekommen zeitnah einen Termin.

Entwicklungen der letzten Jahre

Schwall beobachtet in den vergangenen zehn Jahren einen drastischen Anstieg des Kokainkonsums. Die Droge sei im Verlauf der Zeit billiger geworden und die Suchtproblematik präsentiere sich anders als beispielsweise bei Opiaten. “Viele Leute glauben lange Zeit, dass sie es total im Griff haben mit Kokain, weil es nicht unbedingt körperlich abhängig macht, sondern eher psychisch”, erklärt Schwall. Hoher Reinheitsgehalt, Zusatzstoffe – beides könne gefährlich sein.

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Durch Symbole sollen Situationen greifbar werden. Hier stehen Steine und Decke für Ballast unter der Oberfläche. Hartinger

Eine weitere wachsende Gefahr sieht Schwall in der Selbstmedikation. Angststörungen haben laut ihm in den letzten Jahren zugenommen, vor allem Jugendliche versuchen diese selbst zu behandeln. Zu den Suchtmitteln zählen Benzodiazepine oder Pregabalin. Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Snapchat verstärken die Verbreitung falscher oder gefährlicher Informationen über Wirkungen hierzu noch. “Die haben dann einen Rattenschwanz, weil nachher hast du zwei Probleme. Dann hast du Angststörungen und ein Suchtproblem”, erklärt er.

Lebensstraße

Ein Thema, das immer wieder im Fokus steht, ist Struktur. Ein geordneter Tag, Regelmäßigkeit, Projekte: All diese Faktoren erwähnen Abler und Schwall mehrfach. Doch eben jene Punkte werfen eine Frage auf, nämlich nach dem Freundeskreis. Darauf angesprochen greift Schwall zu zwei Magneten, hält sie nebeneinander. Er beschreibt den Zwiespalt: “Der Freundeskreis ist wahrscheinlich das Um und Auf, wenn du dich wirklich verändern willst. Wenn du nur mit konsumierenden Freunden abhängst, wird es schwierig sein, eine Veränderung zu machen. Wenn du den aber verlässt, dann haben viele niemanden mehr. Das ist dann auch unwahrscheinlich schwierig.”

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Martin Schwall mit den Magneten als Symbol, wie sich Drogen und Freundeskreis anziehen können. Hartinger

Schwall hält die Magneten mit den entgegengesetzten Polen aneinander. Der eine Pol steht für die Drogen, der andere für die Freunde. Sie ziehen sich an. Dies sei eines der Symbole, mit denen er arbeitet. Ein weiteres ist der Gefühlsstern. Manchen Klienten falle es schwer, ihre Gefühle auszudrücken. Der Stern diene als wichtiges Werkzeug, damit sie diese artikulieren können.

Abler und Schwall zeigen ein weiteres wichtiges Element ihrer Arbeit: die sogenannte Lebensstraße. Diese erstellen die Klienten zu Beginn ihrer Betreuung. Mithilfe verschiedener Utensilien und Karten zeichnen sie ihren Lebensweg nach und ordnen prägende Ereignisse ein. Dabei arbeiten sie zunächst allein. Anschließend erläutern sie die Lebensstraße gemeinsam mit dem Berater. Eine Lebensstraße sei aber nicht nur ein Werkzeug, um die Vergangenheit darzustellen, sondern ermögliche auch Ziele für die Zukunft zu visualisieren.

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Ein Teil einer ausgelegten Lebensstraße. Hartinger

Beim Besuch der NEUE ist eine Lebensstraße aufgebaut. Auf Karte Nummer 13 befinden sich kleine Plastikhandschellen. Damit habe der Patient ein bestimmtes Gefühl im Alter von 13 Jahren ausdrücken wollen, erklärt Schwall. Die Handschellen stünden nicht für einen Konflikt mit dem Gesetz. Die naheliegendste Interpretation muss nicht immer der tatsächlichen Bedeutung entsprechen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Letztlich stehe jedoch ein Aspekt im Kern der Beratung: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Verantwortung liege beim Klienten, die Fortschritte aus der Beratung in den Alltag zu übernehmen, einen Sinn zu finden, eine Alternative zum Leben in Abhängigkeit zu schaffen.

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Isabella Abler und Martin Schwall neben einer Lebensstraße. Hartinger

Auch Lebens- und Freizeitgestaltungsprojekte bilden einen Teil dieser Arbeit. Bei “Die Faehre” zählen dazu jährliche Ski- und Wandertage. Dabei bleiben manch positive Erlebnisse haften. Abler erzählt von einem Klienten, der aus einem Projekttag für sich eine neue Struktur schuf: “Jeden zweiten Tag geht er wandern. Aktuell ist er im Bregenzerwald unterwegs und wandert diese Berge ab. Am zweiten Tag gönnt er sich Ruhe. Die Tagesstruktur hat er definitiv.”