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Ersetzt KI bald Astrophysiker? Was Vorarlberger Experten dazu sagen

23.07.2026 • 10:38 Uhr
Ersetzt KI bald Astrophysiker? Was Vorarlberger Experten dazu sagen
Das James-Webb-Weltraumteleskop liefert riesige Datenmengen. Experten erklären, wie KI deren Auswertung unterstützt. NASA; Bechyna, malloier, baumgartner

Der Nutzen von künstlicher Intelligenz ist meist anerkannt. Kürzlich wurde in der Zeitschrift „Science“ darüber diskutiert, ob KI die Astrophysiker ersetzen kann. Die NEUE befragte Fachleute um ihre Einschätzung.

In den letzten Monaten konnte man keine Zeitschrift durchblättern, ohne auf das Thema KI zu stoßen. Auch bei privaten Gesprächen über Fußball oder Wetterereignisse wurde vor wenigen Jahren bei Meinungsverschiedenheiten noch eine Suchmaschine zurate gezogen. Heute fragt man wie selbstverständlich ChatGPT oder eine andere künstliche Intelligenz. Unabhängig vom „Prompt“, also der Fragestellung an die KI, wird das Resultat als uneingeschränkt richtig betrachtet, solange, bis man den ersten groben Schnitzer festgestellt hat.

Bei Wissenschaftlern ist KI ebenso in Diskussion. Anfang Juni 2026 wurde von der Zeitschrift „Nature“ eine Umfrage unter mehr als 1900 Forschern aus 75 Ländern veröffentlicht. Fast die Hälfte der Befragten gab an, gegenüber KI negativ gesinnt zu sein, und 31 Prozent meinten, dass KI einen überwiegend negativen Einfluss auf die Wissenschaft habe. Dennoch meinten 60 Prozent, sie würden nicht mithalten können, wenn sie keine KI-Werkzeuge verwenden würden.

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Das James Webb Weltraumteleskop überträgt täglich 59 Gigabyte an Daten. Eine Auswertung ohne Hilfe von KI wäre kaum denkbar.

KI und die Astronomie

Astrophysiker müssen eine unvorstellbar große Datenmenge verarbeiten. Auf klassischem Wege sind die Beobachtungsdaten des Hubble-Weltraumteleskops und des James-Webb-Teleskops nicht mehr zu bewältigen. Astrophysiker der Europäischen Weltraumagentur ESA durchsuchten mit trainierten Algorithmen die Daten des „Hubble Legacy Archive“ nach versteckten Phänomenen. Die Hubble-Daten waren während der letzten 35 Jahre eine Fundgrube für die Wissenschaft. Ein neuronales Netzwerk, das Anomalien in den fast 100 Millionen Einzelbildern des Weltraumteleskops suchte, fand in zweieinhalb Tagen 1400 spezielle Objekte, von denen 800 noch in keiner wissenschaftlichen Arbeit erwähnt worden waren. Darunter fanden sich wechselwirkende Galaxien, Quasare, Gravitationslinsen und 43 Objekte, die in kein bekanntes Schema passten. Dazu meint der Vorarlberger Unternehmer und KI-Entwickler Michael Malloier auf Anfrage: „KI steigert den Forschungsfortschritt extrem. Sie erkennt Zusammenhänge und Anomalien, die Forschenden spät oder gar nicht auffallen würden.“ Der Autor dieser Zeilen hat in den 1990er-Jahren viele Monate am Mikroskop verbracht, um auf Sternkarten nach kleinsten Fleckchen zu suchen, die Galaxien in der Ebene unserer Galaxis sein könnten. Damals hieß es, das menschliche Auge kann das viel besser als Mustererkennungsprogramme. Ich bin mir sicher, dass eine trainierte KI diese Arbeit heutzutage besser und innerhalb weniger Stunden machen würde.

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Mit Hilfe von KI wurden diese Bilder aus dem Archiv des Hubble Weltraumteleskops gefunden, die in kein bekanntes Schema passen.

Die ESA wertet auch die Datenflut des Weltraumteleskops Euclid aus. Täglich werden 100 Gigabyte Daten über Galaxien, die bis zu 10 Milliarden Lichtjahre entfernt sind, sowie über Gravitationslinsen zur Erde geschickt. Bei ihrer Identifizierung auf den Bilddaten werden von der ESA Methoden des maschinellen Lernens, also einem Teilbereich der KI, mit einem „Citizen-Science“-Projekt, bei dem Bürger die Formen der Lichtbögen klassifizierten, kombiniert. Fachleute erwarten, dass mit dieser Methode über 10.000 neue Gravitationslinsen entdeckt werden.

Viele Vorarlberger studieren und forschen an der Universität Innsbruck. Das Institut für Astro- und Teilchenphysik nutzt KI zur Analyse astronomischer Daten, für Himmelsdurchmusterungen und zur Erstellung komplexer kosmologischer Modelle. Konstanze Zwintz, die am Innsbrucker Institut forscht, erklärt auf Anfrage: „KI kann uns helfen, große Datenmengen zu verarbeiten und manche unserer Modelle zu verbessern. KI kann die Prozesse optimieren.“ Der in Vorarlberg lebende Webentwickler und Astrophotograf Paul Baumgartner sieht den Einsatz der KI unterstützend, beispielsweise für komplexe Berechnungen.

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„KI kann uns helfen, große Datenmengen zu verarbeiten und manche unserer Modelle zu verbessern. KI kann die Prozesse optimieren.“

Konstanze Zwintz, Astrophysik-Professorin an der Universität Innsbruck

Braucht man noch Astrophysiker?

Einige Arbeiten der Astrophysiker werden bereits durch KI wesentlich unterstützt: Literatursuche, Programmierarbeiten, Beobachtungsanträge für Observatorien, Hilfe beim Verfassen von Publikationen, Korrektur der Arbeiten („Peer Review“). Im Juni 2026 verfasste der Wissenschaftsjournalist Joshua Sokol für „Science“ einen Artikel mit dem Titel „Die letzten Astronomen“. Er berichtet über den Harvard-Physiker Matthew Schwartz, der mit einem „Claude-Sprachmodell“ (eine spezielle KI) der US-KI-Firma Anthropic einen Fachartikel aus dem Bereich Physik innerhalb von zwei Wochen erstellen ließ, für den man normalerweise ein Jahr benötigen würde. KI-Unternehmen meinen, dass ihre Technologien bald die Fähigkeiten von Astrophysikern und Kosmologen übertreffen werden. Kann das sein? Sokol berichtete von dem Problem, die Bewegung von Spiralarmen in fernen Galaxien zu verstehen. Nach jahrelangen erfolglosen Arbeiten auf klassischem Wege am Zentrum für Astrophysik in Harvard konnte das Problem mit Hilfe von ChatGPT innerhalb weniger Minuten gelöst werden. Andererseits versuchte Cecile Garraffo, Leiterin der Astro-KI-Gruppe am selben Institut, mittels Claude und ChatGPT eine modifizierte Schwerkrafttheorie auf ein rotierendes Schwarzes Loch anzuwenden. Die Modelle sind kläglich gescheitert, schrecklich, meinte Garraffo. Im September 2025 ließ ein Gastredner an der New York University einen auf Forschung spezialisierten KI-Agenten im Hintergrund laufen. Während er sprach, durchlief die KI zum vorgetragenen Thema den gesamten Forschungsprozess und formulierte dazu zumindest plausibel wirkende wissenschaftliche Arbeiten. Wird die KI in absehbarer Zeit die Astrophysiker ersetzen? David Hogg, Astrophysiker der New York University, meinte in seinem Blog fast metaphysisch, dass man Astrophysik der Tätigkeit wegen macht und nicht, um Ergebnisse zu erzielen. Es ginge um die Auseinandersetzung mit Astrophysik, quasi um die Reise und nicht um das Ziel. Wollen oder müssen wir die Zielerreichung der Erforschung des Universums der KI überlassen?

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„Eine künstliche Superintelligenz (ASI) ermöglicht eine komplett automatisierte Forschungspipeline, bei der am Ende der Mensch als Störfaktor bleiben könnte.“

Michael Malloier, KI-Entwickler und Unternehmer

Lokale Experten

Im Interview hält es der KI-Entwickler Michael Malloier für möglich, dass „eine künstliche Superintelligenz (ASI) eine komplett automatisierte Forschungspipeline ermöglicht, bei der am Ende der Mensch als Störfaktor“ bleiben könnte. Der Webentwickler und Astrophotograf Paul Baumgartner hingegen sieht „ohne ausgebildete Menschen keine Forschung“. „KI kann sich nicht selbständig Ziele setzen und diese selbständig beantworten und die Ergebnisse auf Richtigkeit prüfen.“

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Der Webentwickler und Astrofotograf Paul Baumgartner sieht künstliche Intelligenz als Hilfsmittel für komplexe Berechnungen.

Die Astrophysik-Professorin von der Uni Innsbruck, Konstanze Zwintz, hält im Interview fest, „dass auch eine fortgeschrittene KI die Astrophysik nicht eigenständig betreiben kann“. „Wissenschaftler müssen kreativ sein, Theorien entwickeln und Daten interpretieren.“ „Es braucht immer Menschen, um wissenschaftliches Neuland zu betreten“, so Zwintz. KI könne nur Konzepte entwickeln, die schon in vorhandenen Daten eingebettet sind. Kopernikus hatte Bewegungsdaten von der Erde, der Sonne und den bekannten Planeten zur Verfügung. Was wäre, wenn es damals schon eine gute KI gegeben hätte? Zwintz: „Die KI würde vermutlich schnell draufkommen, dass sich die Welt nicht um die Erde dreht, und würde das heliozentrische Weltbild vorschlagen. Es stellt sich nur die Frage, ob die Menschen das akzeptiert hätten.“

Robert Seeberger