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KI in der Astronomie: “Weder bloßes Werkzeug noch wissenschaftliche Autorität”

27.07.2026 • 14:32 Uhr
KI in der Astronomie: "Weder bloßes Werkzeug noch wissenschaftliche Autorität"
Dr. Florian Buehler beschäftigt sich im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Vorarlberger Fachhochschule mit Künstlicher Intellgenz. Paulitsch, Canva

Dr. Florian Buehler (FH Vorarlberg) gewährt Einblick in den Nutzen und die Gefahren, die Künstliche Intelligenz in wissenschaftlichen Anwendungsbereichen wie der Astronomie mit sich bringen.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Kann eine fortgeschrittene KI einen Forschungszweig wie die Astrophysik „betreiben“ und das Berufsbild des Astrophysikers überflüssig machen?

Florian Buehler: KI kann schon heute zahlreiche Bestandteile astrophysikalischer Forschung übernehmen oder erheblich beschleunigen: sehr große Datenmengen auswerten, Muster erkennen, Himmelsobjekte klassifizieren, Simulationen unterstützen, Auffälligkeiten identifizieren oder Hypothesen aus bestehender Literatur ableiten. Mit zunehmend leistungsfähigen KI-Agenten könnten künftig sogar ganze Forschungsschritte – von der Literaturrecherche über die Datenanalyse bis zur Formulierung eines Fachartikels – teilweise automatisiert werden.

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Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Astrophysikerin oder der Astrophysiker überflüssig werden. Forschung besteht nicht nur darin, Daten möglichst effizient zu verarbeiten. Menschen entscheiden, welche Fragen wissenschaftlich oder gesellschaftlich relevant sind, wie Ergebnisse interpretiert werden und welche Schlussfolgerungen gerechtfertigt sind. Auch die kritische Prüfung von Annahmen, Methoden und möglichen Fehlern bleibt zentral. Wahrscheinlicher als eine vollständige Ersetzung ist daher eine deutliche Veränderung des Berufsbildes: Astrophysiker werden weniger Zeit mit standardisierbaren Analysen verbringen und stärker Forschungsfragen definieren, KI-Systeme steuern, Ergebnisse validieren und unterschiedliche Erkenntnisse zu einem wissenschaftlich sinnvollen Gesamtbild verbinden.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Könnte KI grundsätzlich neue Konzepte wie das heliozentrische Weltbild oder Einsteins Schwerkraftmodell entwickeln?

Buehler: Grundsätzlich ist es vorstellbar, dass eine hinreichend leistungsfähige KI aus Beobachtungsdaten Gesetzmäßigkeiten ableitet, die etablierten Vorstellungen widersprechen. Insbesondere Systeme, die mathematische Beziehungen systematisch untersuchen, Simulationen durchführen und sehr viele alternative Erklärungsmodelle vergleichen, könnten zu neuartigen theoretischen Vorschlägen gelangen.

KI in der Astronomie: "Weder bloßes Werkzeug noch wissenschaftliche Autorität"
Dr. Florian Buehler von der Fachhochschule Vorarlberg. Paulitsch

Allerdings besteht ein Unterschied zwischen dem Finden einer mathematisch leistungsfähigen Beschreibung und einer wissenschaftlichen Revolution. Kopernikus und Einstein haben nicht lediglich große Datenmengen analysiert. Sie haben grundlegende Begriffe und Annahmen neu geordnet und dadurch eine andere Sicht auf die Welt ermöglicht. Ob heutige oder zukünftige KI-Systeme tatsächlich ein vergleichbares begriffliches Verständnis entwickeln oder lediglich Modelle erzeugen, die besonders gut zu den Daten passen, ist offen.

Hinzu kommt: Eine KI könnte durchaus eine revolutionäre Theorie produzieren, ohne dass wir sicher sagen könnten, ob sie diese im menschlichen Sinne „verstanden“ hat. Für die Wissenschaft wäre zunächst entscheidender, ob die Theorie nachvollziehbar, überprüfbar und empirisch überlegen ist. Die kreative Leistung könnte künftig also durchaus in einer Zusammenarbeit entstehen: KI generiert ungewöhnliche Modelle oder Verbindungen, während Menschen deren Bedeutung erkennen, sie kritisch prüfen und in einen größeren theoretischen Kontext einordnen.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Was kann KI in der astronomischen Forschung leisten und welche Bedenken gibt es?

Buehler: Das Potenzial ist besonders dort groß, wo enorme und komplexe Datenmengen anfallen. KI kann beispielsweise Galaxien und andere Himmelsobjekte klassifizieren, seltene Ereignisse erkennen, verrauschte Messdaten aufbereiten, Teleskopbeobachtungen priorisieren, Simulationen beschleunigen und wissenschaftliche Literatur erschließen. Sie kann außerdem Zusammenhänge sichtbar machen, die für Menschen aufgrund der Datenmenge oder der Zahl möglicher Einflussfaktoren schwer zu erkennen wären.

Die wichtigste Gefahr besteht meines Erachtens darin, dass die Leistungsfähigkeit eines Systems mit wissenschaftlicher Verlässlichkeit verwechselt wird. KI kann sehr überzeugende, aber falsche Ergebnisse erzeugen. Sie kann Verzerrungen aus Trainingsdaten übernehmen, ungeeignete Korrelationen finden oder Lösungen präsentieren, deren Zustandekommen kaum nachvollziehbar ist. Besonders problematisch wäre es, wenn Forschende Ergebnisse nur noch übernehmen, ohne Annahmen, Datenqualität und Alternativerklärungen ausreichend zu prüfen.

KI in der Astronomie: "Weder bloßes Werkzeug noch wissenschaftliche Autorität"
Das James Webb Weltraumteleskop überträgt täglich 59 Gigabyte an Daten. Eine Auswertung ohne Hilfe von KI wäre kaum denkbar.

Weitere Fragen betreffen die Reproduzierbarkeit, die Transparenz der verwendeten Modelle, den Zugang zu proprietären Systemen, die wissenschaftliche Verantwortung und mögliche Abhängigkeiten von wenigen Technologieunternehmen. Auch könnte eine starke Orientierung an bestehenden Daten und Publikationen dazu führen, dass dominante Denkweisen verstärkt werden und ungewöhnliche, aber wichtige Perspektiven weniger Beachtung finden.

KI sollte deshalb weder als bloßes Werkzeug noch als autonome wissenschaftliche Autorität betrachtet werden. Ihr größter Nutzen entsteht, wenn ihre analytischen Fähigkeiten mit menschlicher Kritik, theoretischem Verständnis und wissenschaftlicher Verantwortung verbunden werden. Die entscheidende Frage lautet aus meiner Sicht nicht, ob KI die letzten Astronomen ersetzt, sondern wie sich wissenschaftliche Arbeit verändert, wenn Menschen nicht länger die einzigen Akteure sind, die Hypothesen formulieren, Daten analysieren und wissenschaftliche Texte verfassen können.

Zur Person

Dr. Florian Buehler ist Hochschullehrer an der Vorarlberg University of Applied Sciences, Forscher und Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart sowie Berater für KI-Transformation.

Robert Seeberger

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)