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„Sorgearbeit braucht soziale Absicherung“

15.08.2026 • 10:00 Uhr
„Sorgearbeit braucht soziale Absicherung“
Nicole Feurstein-Hosp, FPÖ-Frauensprecherin im Vorarlberger Landtag. Stiplovsek

Kinderbetreuung ist Arbeit – daran lässt Nicole Feurstein-Hosp keinen Zweifel. Im Interview spricht die FPÖ-Frauensprecherin über die umstrittene Stocker-Aussage, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Gewalt gegen Frauen und ihre politischen Ziele.

Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sorgte mit seiner Aussage Kinderbetreuung sei „keine Arbeit“ zuletzt für viel Kritik. Auch Sie haben darauf deutlich reagiert.
Nicole Feurstein-Hosp: Ich möchte noch einmal klar festhalten: Kinderbetreuung ist Arbeit. Mich hat diese Aussage massiv geärgert, weil so etwas einem Bundeskanzler nicht passieren darf. In seiner Funktion sollte er wissen, was Kinderbetreuung bedeutet. Ich weiß es selbst als Mama. Was mich an dieser Debatte besonders stört: Wenn eine Pädagogin, eine Tagesmutter oder eine Pflegemutter mein Kind betreut, dann gilt das als Arbeit. Wenn ich es als Mama selbst mache, soll es keine Arbeit sein. Das ist falsch. Es ist eine unglaublich wertvolle Arbeit, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Gerade in den ersten Lebensjahren wird eine wichtige Basis gelegt. Ich erwarte keinen Stundenlohn für Eltern. Aber wenn jemand Sorgearbeit, sprich Pflege- oder Familienarbeit übernimmt – egal, ob für Kinder, Eltern oder Schwiegereltern –, darf diese Person am Ende nicht leer ausgehen. Dafür braucht es eine entsprechende soziale Absicherung.

„Sorgearbeit braucht soziale Absicherung“
Nicole Feurstein-Hosp im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Stiplovsek

Was heißt das konkret?
Feurstein-Hosp: Für mich ist die Wahlfreiheit das Wichtigste. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit Familien selbst entscheiden können, wie sie Erwerbs- und Familienarbeit aufteilen. Wer mehr Sorgearbeit übernimmt, darf dadurch gesellschaftlich und sozial nicht benachteiligt werden. Das muss sich etwa auch bei der Pension niederschlagen. Eine Möglichkeit ist das freiwillige Pensionssplitting, auf das wir stärker aufmerksam machen müssen. Natürlich sollen auch Männer Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig müssen wir Frauen gute Chancen bieten, nach der Karenz wieder in den Beruf zurückzukehren, etwa durch entsprechende Weiterbildungsangebote. In Vorarlberg möchten wir zudem die Unterstützung für pflegende Angehörige ausbauen und den Familienzuschuss in Richtung eines Familiengeldes weiterentwickeln. Wie eine Familie ihr Leben konkret organisiert, möchte ich aber nicht politisch vorschreiben. Diese Entscheidung sollen die Familien selbst treffen können.

Sie sind Frauensprecherin der FPÖ im Landtag. Wo sehen Sie derzeit die größten Probleme für Frauen in Vorarlberg?
Feurstein-Hosp: Ein großes Thema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die der tatsächlichen Lebensrealität von Familien entsprechen. Dazu gehören für mich eine flexible Kinderbetreuung und flexible Öffnungszeiten. Familien sollen ihr Beschäftigungsausmaß so gestalten können, wie sie es brauchen. Dabei spielt die Teilzeitarbeit eine große Rolle. Sie hat nicht nur Auswirkungen auf das aktuelle Gehalt, sondern später auch auf die Pension. Ein weiteres Thema, das mir sehr am Herzen liegt, ist die Sicherheit von Frauen und der Schutz vor Gewalt.

„Sorgearbeit braucht soziale Absicherung“

Welche frauenpolitischen Vorhaben möchten Sie bis zum Ende der Regierungsperiode umsetzen?
Feurstein-Hosp: Ein wichtiger Punkt ist, die Wahlfreiheit weiterhin sicherzustellen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern und noch stärker an die Lebensrealität anzupassen. Ich möchte außerdem stärker darüber aufklären, was es bedeutet, wenn jemand weniger arbeitet oder Teilzeit arbeitet. Damit sollte man früh beginnen. Junge Frauen und eigentlich schon Mädchen sollten wissen, welche Auswirkungen solche Entscheidungen später auf das Gehalt und die Pension haben können. Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Lohntransparenz. Dieses Thema haben wir auch im Regierungsübereinkommen verankert.

Seit der vergangenen Landtagswahl regiert die FPÖ gemeinsam mit der ÖVP. Können Sie frauenpolitisch jetzt mehr bewirken als zuvor in der Opposition?
Feurstein-Hosp: Ja, auf jeden Fall. Das sind zwei völlig unterschiedliche Rollen. In der Opposition geht es darum, aufzuzeigen, zu kritisieren und zu fordern. Regierungsverantwortung bedeutet hingegen, Verantwortung zu übernehmen. Es heißt auch, zu liefern und Dinge umzusetzen. Genau darum bemühen wir uns.

„Sorgearbeit braucht soziale Absicherung“

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der ÖVP aus? Sind Kompromisse nötig?
Feurstein-Hosp: Wir haben eine gute Gesprächsbasis und tauschen uns regelmäßig aus. Kompromisse sind selbstverständlich notwendig, sonst wären wir nicht in einer Koalition. Wichtig ist für mich, dass die eigenen Grundlinien und Werte dabei nicht über Bord geworfen werden.

Gibt es politische Themen, bei denen Sie Ihrer eigenen Partei widersprechen?
Feurstein-Hosp: Natürlich diskutieren wir Themen. Dabei muss es nicht immer um Meinungsverschiedenheiten gehen. Es gibt unterschiedliche Zugänge und Sichtweisen. Genau das macht es aus: Man redet miteinander, bringt verschiedene Sichtweisen ein und entwickelt anschließend gemeinsam eine solide Lösung und eine gemeinsame Haltung zu einem Thema.

Zur Person

Nicole Feurstein-Hosp wurde am 27. April 1982 in Dornbirn geboren und lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Lustenau. 1998 kam sie erstmals mit Politik in Kontakt, seit 1999 ist sie Mitglied der FPÖ. Ihre politische Laufbahn begann im Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ), dessen Landesobfrau sie von 2005 bis 2011 war. Seit 2005 gehört sie der Lustenauer Gemeindevertretung an und ist heute Mitglied des Gemeindevorstands für Kinder, Jugend und Familie. Von 2014 bis 2019 sowie erneut ab 2020 ist Feurstein-Hosp Mitglied des Vorarlberger Landtags. Sie ist dort Jugend-, Frauen- und Tierschutzsprecherin des FPÖ-Landtagsklubs.
Innerhalb der FPÖ ist sie auf Orts-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene aktiv. Zudem leitet sie die Initiative Freiheitliche Frauen (iFF) und ist deren Bundesobfrau-Stellvertreterin.

Sie haben es bereits kurz angesprochen. Ein weiteres wichtiges Thema ist Gewalt gegen Frauen.
Feurstein-Hosp: Für mich ist ganz wichtig: Jede Frau hat das Recht auf ein gewaltfreies Leben. Wir haben in Vorarlberg ein sehr gutes Netzwerk aus Justiz, Polizei, Gesundheitspartnern und Gewaltschutzeinrichtungen. Wichtig ist, dass betroffene Frauen den Weg zu diesen Einrichtungen finden. Sie müssen wissen, dass sie sich Hilfe holen können und dass es Möglichkeiten gibt, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.


Gefordert wird eine Gewaltambulanz in Vorarlberg für betroffene Frauen. Wie stehen Sie dazu?
Feurstein-Hosp: Wir teilen das Ziel, die Versorgung entsprechend sicherzustellen. Derzeit wird geprüft, welche Möglichkeiten es gibt. Dabei ist auch der Bund eingebunden. Wenn die Grundlagen vorliegen, muss entschieden werden, wie ein entsprechendes Modell aussehen kann. Dazu laufen Gespräche mit der Bundesregierung. Wichtig ist am Ende, dass betroffene Frauen die Betreuung bekommen, die sie benötigen, und dass Beweise ordentlich gesichert werden, damit sie später auch vor Gericht verwendet werden können.

Maurice Shourot
Landtagsarbeit. ms

An welchen konkreten Ergebnissen möchten Sie sich am Ende der Legislaturperiode messen lassen?
Feurstein-Hosp: Ich möchte mich daran messen lassen, was tatsächlich umgesetzt wurde. Nicht daran, was wir gefordert, gewünscht oder erwartet haben, sondern daran, was wir wirklich verbessert haben. Ein konkretes Ziel ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir müssen Maßnahmen setzen, damit sie besser funktioniert und näher an der Lebensrealität von Frauen und Männern ist. Und natürlich ist es auch ein Ziel, die Teilzeitquote zu verringern.

Sie sind bereits seit Ihrer Jugend politisch aktiv. Was gab den Ausschlag?
Feurstein-Hosp: Ich war schon als Jugendliche politisch interessiert. Ich wollte mitentscheiden und mitgestalten. Damals konnte ich aufgrund meines Alters noch nicht wählen, wollte aber trotzdem über meine Zukunft mitbestimmen. Deshalb habe ich mich unter anderem dafür starkgemacht, dass junge Menschen mehr mitentscheiden können.

„Sorgearbeit braucht soziale Absicherung“
Nicole Feurstein-Hosp: “Die FPÖ vertritt Werte wie Freiheit, Sicherheit und Heimatverbundenheit, die mir sehr wichtig sind.”

Wieso führte Ihr Weg zur FPÖ?
Feurstein-Hosp: Zur FPÖ bin ich gekommen, weil die Freiheitlichen schon damals Themen angesprochen haben, die heute aktueller sind denn je. Außerdem vertritt die FPÖ Werte wie Freiheit, Sicherheit und Heimatverbundenheit, die mir sehr wichtig sind. Dort habe ich auch die Möglichkeit, mich einzubringen.

Sie sind Mutter, Kommunalpolitikerin in Lustenau und Landtagsabgeordnete. Welche dieser Erfahrungen prägt Ihre politische Arbeit am stärksten?
Feurstein-Hosp: Ich glaube, gerade die Mischung macht es aus. Als Mama kenne ich das Familienleben und weiß, welche Herausforderungen Familien zu bewältigen haben. In der Gemeindepolitik bin ich sehr nahe an den Menschen. Dort kann man Dinge rasch umsetzen und unmittelbar sehen, ob eine Maßnahme tatsächlich wirkt. Diese Erfahrungen kann ich in die Landespolitik mitnehmen. Dort geht es um Gesetze, Förderungen und darum, Rahmenbedingungen für Vorarlberg zu schaffen. Genau diese Mischung möchte ich in die verschiedenen Gremien einbringen.