Evangeliumkommentar: Nicht immer nur auf die anderen zeigen

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Norman Buschauer, Vikar in Bregenz.
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun? Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen? Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt. Matthäus 21,33-44
Nicht immer nur auf die anderen zeigen
Es lässt sich leider nicht übersehen oder gar leugnen: Das Neue Testament ist auch eine Quelle für Antisemitismus. Gerade das heutige Evangelium gibt Anlass dazu. Jesus richtet im Gleichnis verpackt eine harte Kritik an die Hohepriester und Ältesten und droht ihnen: „Das Reich Gottes wird euch weggenommen …“.
Aber! Bevor wir nun vorschnell die Kritik des Gleichnisses nur auf die Hohepriester und Ältesten als Repräsentanten des Judentums fixieren, möchte ich an einen weisen Rat erinnern, der mir irgendwann in meiner Kindheit schon mitgegeben wurde: Wenn du mit dem Finger auf andere Leute zeigst, zeigen drei deiner Finger auf dich zurück.
Soll ich die Kritik Jesu im Gleichnis auch als Warnung für heute verstehen? Ist denn alles in Ordnung, was das Christentum im Laufe der 2000-jährigen Geschichte gewirkt hat? Oder ist da nicht immer wieder etwas geschehen, was so gar nicht im Sinn des „Weinbergbesitzers“ war? Ich will jetzt gar nicht die Schattenseiten des Christentums in den Vordergrund stellen, aber auch nicht die Schattenseiten des Judentums oder anderer Religionsgemeinschaften. Es scheint, dass es in allen Gemeinschaften leider auch „menschelt“ und manchmal die Vorstellungen der Menschen vor die Botschaft der Religion gestellt werden. Aber bevor jetzt die „Hohepriester und Ältesten“ der diversen Religionen an den Prange gestellt werden, zurück zum ausgestreckten Zeigefinger. Wie steht es mit mir persönlich als Vertreter/in meiner Religionsgemeinschaft?
Und falls etwas schiefgelaufen ist – ich denke an das wunderbare Bild vom barmherzigen Vater, das er uns erzählt hat: Umkehr ist möglich und führt zum Heil. Nur darf ich nicht warten, bis die da oben anfangen, sich zu bekehren – anfangen muss ich mich.
