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Konstante in einer verwirrten Welt

18.09.2020 • 18:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Daniela Egger (Aktion Demenz), Landesrätin Katharina Wiesflecker und Martin Hebenstreit (connexia). <span class="copyright">Klaus Hartinger<span class="copyright"></span></span>
Daniela Egger (Aktion Demenz), Landesrätin Katharina Wiesflecker und Martin Hebenstreit (connexia). Klaus Hartinger

Land Vorarlberg und Aktion Demenz setzen auf Kontinuität.

In Vorarlberg sind derzeit etwa 6000 Menschen an Demenz erkrankt. Tendenz steigend. Bis ins Jahr 2050 werden es drei Mal so viele sein. Das liegt zum einen daran, dass die Lebenserwartung immer höher wird und damit auch die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Zum anderen ist in 30 Jahren die Generation der Babyboomer im dementsprechenden Alter. Die Verdreifachung ist also demographischen Ursprungs. Anlässlich des Welt-Alzheimertags am 21. September haben die Veranwortlichen im Land über Pflegeaufgaben, neue Projekte der Aktion Demenz sowie die Position der Angehörigen informiert.

Film zum Frühstücksgruß

Die meisten Menschen mit kognitiven Veränderungen werden zu Hause von Angehörigen betreut. Wobei die Pflege meist an einer einzigen Bezugsperson „hängen“ bleibt. Andere Familienmitglieder, Freunde und Bekannte ziehen sich nach einer Diagnose oft zurück. „Die Pflege eines an Demenz erkrankten Menschen kann jedoch nicht von einer Person alleine bewältigt werden“, betonte Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker im Rahmen des Pressegesprächs.

Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker. Klaus Hartinger

Unter dem Motto „Demenz – wir müssen reden“, engagieren sich auch heuer die Akteure der Aktion Demenz dafür, die Thematik der Bevölkerung nahezubringen. „Je mehr Wissen wir über die Thematik verbreiten, umso eher schaffen wir eine gute Umgebung, in der es sich demenzfreundlich leben lässt“, meinte Martin Hebenstreit, Geschäftsführer der connexia. Pflegende Angehörige und die Sensibilisierung der Nachbarschaften stehen daher im Fokus.

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Klaus Hartinger

Ausstellung

Doch auch die geplanten Aktionen blieben nicht von der Covid-19-Pandemie verschont. Manche mussten verändert oder verschoben werden. Gestartet wurde jedoch ein Filmprojekt, bei dem Erkrankten und pflegenden Angehörigen in verschiedenen Regionen Fragen gestellt wurden. Und zwar darüber, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hatten, was sie erlebt und wie sie die Zeit überstanden haben. Die Filmbeiträge sind eine Beteiligung der Ausstellung mit dem Titel: „Shutdown – Vorarlberg und Corona“ und werden im vorarlberg museum präsentiert.

Martin Hebenstreit (connexia). <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Martin Hebenstreit (connexia). Klaus Hartinger

Der Lockdown hatte aber auch Auswirkungen auf die Erkrankten. Isolation und Einsamkeit können sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken. Soziale Kontakte sind eine Konstante in einer verwirrten Welt. Groß sei diesbezüglich auch die Gefahr, dass über Menschen, die keine Stimme haben, hinweg entschieden wird. Diesbezüglich muss noch an Lösungen für Krisensituationen gearbeitet werden. „Keine einfache Aufgabe, aber enorm wichtig für die Gesundheit dieser Menschen und für unsere Gesellschaft“, betonte Hebenstreit.

Weiterentwicklung

Zur jährlichen Pressekonferenz zum Thema Demenz gehört auch der Stand der Dinge in Sachen gerontopsychatrische Versorgung – also die Betreuung und Pflege der betroffenen Menschen. Diese zeichne sich durch Kontinuität aus, meinte die Landesrätin. Dennoch gelte es, die Bedürfnisse der Erkrankten und deren Angehörigen ständig anzupassen. Während Corona konnten laut Wiesflecker im Wesentlichen alle Angebote aufrecht erhalten werden.

In den vergangenen Jahren ist das Angebot der ambulanten gerontopsychiatrischen Pflege in Kooperation mit den örtlichen Krankenpflegevereinen kontinuierlich ausgebaut, ab Ende 2021 wird es in allen Vorarlberger Gemeinden zur Verfügung stehen. Im vergangenen Jahr wurden 450 Klientinnen und Klienten begleitet und betreut. Auch die Weiterentwicklung der gerontopsychiatrischen Kompetenz in der stationären Langzeitpflege wird kontinuierlich vorangetrieben. Schon in 40 der 49 Vorarlberger Pflegeheime stehen Psychologen mit Arbeitsschwerpunkt in der Gerontopsychologie beratend und für Fallbesprechungen zur Verfügung. Im Laufe des nächsten Jahres ist der Projektstart in den weiteren neun Pflegeheimen und in den 16 betreuten Wohngemeinschaften für ältere Menschen geplant.

Tagesbetreuung

An vier Standorten in Vorarlberg (Bregenz, Dornbirn, Feldkirch, Nüziders) wurde über eineinhalb Jahre eine neue Form der Tagesbetreuung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung erfolgreich erprobt. Wegen der positiven Erfahrungen wird dieses überwiegend durch den Vorarlberger Sozialfonds finanzierte Angebot nun um einen weiteren Standort in Götzis erweitert und in den Regelbetrieb übernommen.

Neos ist das zu wenig

Dem Neos-Landtagsabgeordneten Johannes Gasser fehlt eine Demenz-Strategie des Landes. Diese fordern die Neos nun mit einem Antrag im Vorarlberger Landtag ein. „Es werden schon Maßnahmen getroffen, doch diese setzen erst an, wenn die Krankheit ausgebrochen ist und sich verfestigt hat. Wir brauchen eine landesweite Präventionsstrategie und Ansätze zur Früherkennung. Damit ermöglichen wir den Senioren nicht nur ein längeres selbstbestimmtes und eigenständiges Leben, wir helfen auch, die Kostensteigerungen in der Pflege nachhaltig zu dämpfen“, kündigt Gasser an. Bei Vorsorgeuntersuchungen bleibe keine Zeit, ein geriatrisches Assessment durchzuführen, kritisiert er. Diese würden von den Kassen nicht entsprechend finanziert. Das müsse sich ändern.

Neos-Landtagsabgeordneter Johannes Gasser. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Neos-Landtagsabgeordneter Johannes Gasser. Klaus Hartinger

„Werden diese ersten Anzeichen für Demenz früh erkannt, kann eine Behandlung den Krankheitsverlauf verlangsamen und damit länger ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben ermöglicht werden“, meint Gasser. Er vereist auf den Einsatz neuer Technologien wie „Braining.App“. Der Neos-Vertreter forderte außerdem, die Angehörigen direkt mit einzubinden. In Schottland gebe es bei einer Demenz-Diagnose beispielsweise automatisch ein Beratungsgespräch für die Angehörigen.

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