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Handwerkskunst auf Biegen und Brechen

12.12.2021 • 18:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Werner Johler (l.) und Stefan Fischer haben derzeit alle Hände voll zu tun. Click&amp;Collect ist möglich: www.johler-rodel.at.<span class="copyright"> Dietmar Stiplovsek</span>
Werner Johler (l.) und Stefan Fischer haben derzeit alle Hände voll zu tun. Click&Collect ist möglich: www.johler-rodel.at. Dietmar Stiplovsek

1908 wurden Rodel erstmals von Familie Johler hergestellt.

Der Winter kommt manchmal schneller als man denkt. Und dann ist plötzlich Hochsaison bei den Rodelbauern Johler. Das regelmäßiges „Klack, klack, klack, klack“ des Luftdrucktackers ist zu hören, sobald man das kleine Ladenlokal in einem Wälderhaus an der Hauptstraße in Alberschwende betritt. Der Duft von Holz und Leinöl steigt trotz FFP2-Maske in die Nase. Ein feiner Geruch, der an irgendwie an früher erinnert und ein heimeliges Gefühl hinterlässt.

Schwager Stefan Fischer bespannt routiniert die Sitzflächen duzender Rodel. Klassisch mit Jute Gurten oder fetzig bunt mit Polypropylen. Höchstens 15 Minuten braucht er dafür, hilft er doch schon seit Jahren mit im Familienbetrieb. Die Tackernadeln scheinen wie mit dem Linial angeordnet. Alles handgemacht.

Final werden die Rodel in Leinölfirnis getaucht, bespannt und mit Schienen bestückt. Eine Lebensdauer von gut 50 Jahren ist dann realistisch. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Final werden die Rodel in Leinölfirnis getaucht, bespannt und mit Schienen bestückt. Eine Lebensdauer von gut 50 Jahren ist dann realistisch. Dietmar Stiplovsek

Es ist kaum ein Durchkommen zudem 70 Jährigen. Es stapeln sich vorbestellten Schlitten und warten darauf abgeholt zu werden. Dabei ist dies nur der Verkaufsraum. Die große Werkstatt und damit der eigentliche Ort des Geschehens befindet sich hinter dem Haus, ein paar Schritte über die verschneite Wiese. „Rodelbauen erfordert viel Platz“, lässt Werner Johler wissen, als er die Tür zum großzügigen Werkraum öffnet. Wieder ist nur eine Schneise frei, die sich durch unzählige Rodelrohlinge fräst. Kein Zweifel mehr, dass die Saison begonnen hat.

Dritte Generation

Die Johler Rodel schauen immer noch gleich aus, wie vor 50 Jahren. Das Wälder Unternehmen gibt es seit 1908. Großvater und Firmengründer Christian Johler produzierte Hornerschlitten, Heuwägen, Werkzeugstiele, Ski und Schlitten und war dazumal damit einer der ersten im Land. Geboren in Liechtenstein, absolvierte er dort die Lehre als Wagner und war anschließend nach Alberschwende ausgewandert. Im Alter übergab er an seinen Sohn Arthur. Heute werden die Johler-Rodel in der dritten Generation hergestellt. Werner Johler (63) ist einer der drei Brüder und Gesellschafter. Da sind noch Edmund und Rheinhard. Der Anfangs erwähnte Schwager wurde quasi durch die Heirat zur Mithilfe verpflichtet.

Werner Johlers Großvater stellt noch Skier her. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Werner Johlers Großvater stellt noch Skier her. Dietmar Stiplovsek


Seit 1982 wird in dieser Konstellation produziert. Nebenberuflich und doch mehr als hobbymäßig. „Es ist eine Berufung. Zum einen fühlen wir uns der Bregenzerwälder Handwerkskunst verpflichtet. Zum anderen ist das Rodelbauen so etwas wie ein Familienevent“, erzählt Werner Johler freudig. Zweimal im Jahr kommt die Großfamilie, die in alle möglichen Gegenden zerstreut ist, für zusammen und schafft an dem regionalen Produkt. „Das hält zusammen“.

Rohstoff Esche

Aktuell entscheiden die Brüder, wie viel Holz sie für die nächste Produktion kaufen werden. Geschlagen wird die heimische Esche um die Weihnachtszeit, beim richtigen Mond. Im Frühsommer wird der Rohstoff geliefert, zurechtgeschnitten, mit Dampf behandelt und gebogen. Das Biegen der Kufen ist so ein Familien-Großevent. Anschließend trocknen und ruhen die Teile ein Jahr an der Luft. Das heurige Holz wird erst 2023 zur fertigen Rodel.

Werner Johler geht hauptberuflich keinem Handwerkt nach. Die Rodelbauerei ist für ihn meditativ und erfahrungsgemäß lebensverlängernd.<span class="copyright"> Dietmar Stiplovsek</span>
Werner Johler geht hauptberuflich keinem Handwerkt nach. Die Rodelbauerei ist für ihn meditativ und erfahrungsgemäß lebensverlängernd. Dietmar Stiplovsek


Warum nun Esche? Man könnte auch Eiche nehmen, wäre aber zu teuer. Buche lässt sich zwar biegen, ist aber nicht formstabil. „Esche ist der optimale Werkstoff . Es ist ein Baum der bisher gut gewachsen ist und in unser Regionalitäts-Prinzip passt“, sagt der Fachmann. Ein wenig leiden aber auch Johlers unter dem Eschesterben. Sie hoffen, dass sie mit einem blauen Auge davongekommen. Es gibt zwar Holz-Alternativen, aber leider keine lokalen.

Veränderungen

Das Sortiment der Johler-Brüder gibt verschiedene Modell her. Von der Sportrodel, über die Babyrodel bis hin zur Familienrodel. Das Standardmodell (Schneckenrodel) wird noch heute in fast unveränderter Form seit 1908 hergestellt. Verändert, konkret vergrößert, hat sich lediglich die Schienenbreite. Zum einen, weil der Schnee durch den Klimawandel oftmals weich ist. „Zum anderen hat sich das Gewicht der Menschen, also auch der Rodler, über die vergangenen 100 Jahre ziemlich verändert“, klärt Johler auf. Und natürlich hat sich auch das Design verändert. Bespannt wird in Wunschfarben.

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Die Schlitten, so sagt Johler, halten gerne über 50 Jahre. Zum Beweis zieht er ein Exemplar mit gebrochener Latte hinten rechts aus der Ecke. Man sieht dem Gerät an, dass e Jahrzehnte auf dem Buckel hat. „Das reparieren wir jetzt und dann hält die Rodel nochmal 50 Jahre“, verspricht er, lacht und eines wird klar. Es sind keine Wegwerfprodukte die hier entstehen. Das spiegelt sich auch im Klientel wieder. Es sind oft Eltern oder Großeltern die in ihrer Kindheit genau so eine Rodel besessen haben und jetzt ihre Kinder oder Enkel damit ausstatten wollen.

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Sportausführung

Oder natürlich sich selbst. Die sportlichen unter den Vergnügungsrodlern greifen zur Wälder Sport oder Wälder Cross Rodel. Die werden (erst) seit 25 Jahren hergestellt – und neu auch als ein Drittel leichteres Modell für Damen. „Die Modelle haben schräggestellte Kufen und damit eine führende Kante, sind beweglich und lassen sich speziell bei eisiger Bahn besser lenken“, beschreibt Johler die Sportausführung. Es gehört schon etwas Können dazu, um diese Geräte zu beherrschen. Eine Sportrodel erreicht hohe Geschwindigkeiten. „Ein Socialmedia-Post hat gezeigt, wie ein Rodler gut 80 Stundenkilometer damit erreicht hat“, erzählt Johler beeindruckt.

Gleichzeitig gibt ihm das Anlass ein paar Worte zum Thema Sicherheit loszuwerden. „Zu viel Alkohol und Rodeln, das verträgt sich nicht und es ist keine Schande einen Helm zu tragen“, fügt er hinzu. Außerdem ist passende Kleidung ein Muss. Ein fester Bergschuh mit Profilsohlen und keine Turnschuhe. Eine Stirnlampe hilft zu sehen und gesehen zu werden.

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Die Rodel?

Johler sagt mit einem Augenzwinkern von sich selbst, er sei zwar schon ziemlich alt, gehe aber dennoch regelmäßig rodeln. Natürlich in Alberschwende. Gerne auch in Bezau. Da ist es sonnig und die Gondel bringt einen bequem hinauf. Doch die nächsten Wochendenden sind erst einmal fürs Rodelbauen blockiert. Die Saison Endet erfahrungsgemäß Ende Februar.
Dann hat auch Werner Johler ausgiebig Zeit, seine Rodel zu schultern und gen Berg zu spazieren.

Und ja, es heißt „die“ Rodel. „Im Dialekt sagt man ‚dr Rodel‘ und das wurde wohl falsch ins Hochdeutsche übersetzt“, lautet die Erklärung des Experten. Die Rodel, der Rodel – egal wie. Eine Gaudi ist das Rodeln allemal.

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