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„Die Pflege muss ein großes Thema sein“

26.02.2022 • 19:32 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Manuela Auer ist Gewerkschafterin und SPÖ-Landtagsabgeordnete. <span class="copyright">SPÖ/Marcel Mayer</span>
Manuela Auer ist Gewerkschafterin und SPÖ-Landtagsabgeordnete. SPÖ/Marcel Mayer

SPÖ-Landtagsabgeordnete Manuela Auer spricht über die Proteste im Pflegebereich.

Im Zuge der Pandemie heißt es immer wieder, dass diese bezüglich der bereits zuvor bestehenden Probleme wie ein Brennglas wirkt. Nun hat es diese Woche erneut Proteste der Beschäftigten im Gesundheitswesen gegeben. Sehen die politisch Verantwortlichen die Schwierigkeiten nicht?
Manuela Auer:
Wir haben schon deutlich vor Ausbruch der Pandemie auf die Probleme im Gesundheits- und Pflegebereich aufmerksam gemacht. Ich habe das in meiner Funktion als Gewerkschafterin und auch als Politikerin getan. Gemeinsam haben wir aufgezeigt, dass es einen Personalmangel gibt, dass die Arbeitsbedingungen verbessert werden müssen und dass es an vielem mangelt. Die Pandemie verschärft das noch. Der aktuelle Monitoringbericht des Landes zeigt außerdem eine klaffende Lücke auf. Bis zum Jahr 2030 müssen an die 2400 zusätzliche Pflegekräfte ausgebildet werden. Dazu kommt, dass wir es nicht geschafft haben, genügend Personal auszubilden, um den für das heurige Jahr prognostizierten Bedarf zu decken. Die Lücke wird also noch viel größer. Es wäre an der Zeit, dass die Politik sich überlegt, noch viel massiver in diesem Bereich zu investieren und vehementer vorzugehen. Die Frage muss nicht sein, ob es vielleicht hier und da noch eine Klasse mehr gibt, sondern das Thema muss viel breiter diskutiert werden. Die Pflege muss ein großes nationales und auch Landes-Thema sein.

Diese Woche gab es wieder Proteste vom Personal im Gesundheitsbereich. <span class="copyright">Sams</span>
Diese Woche gab es wieder Proteste vom Personal im Gesundheitsbereich. Sams

Muss man da auch die Ausbildung ganzheitlicher anschauen?
Auer:
Die Pflegeausbildung wurde ja gerade erst neu aufgestellt, und es ist noch nicht einmal alles voll implementiert. Es gibt aber auf jeden Fall Verbesserungspotenzial, und man muss an Stellschrauben drehen. Das zeigt sich aber alles erst in der Umsetzung. Es gibt zum Beispiel viele Bewerberinnen und Bewerber, die beim Diplomlehrgang abgewiesen werden. Ihnen könnte man stattdessen ein konkretes Ausbildungsangebot in der Pflegeassistenz machen. Genauso könnte man noch mehr Plätze bei der Connexia schaffen, wobei es dafür dann aber auch genügend Schulplätze brauchen würde. Man kann also im ganzen System noch mehr Möglichkeiten schaffen. Dafür braucht es aber auch die nötigen Geldmittel.

Zur Person

Manuela Auer stammt aus Bludenz und wurde dort am 1. August 1965 geboren. Sie ist seit 15. November 2017 Abgeordnete für die SPÖ im Landtag und derzeit stellvertretende Klubobfrau. Seit 2000 ist Auer als Landesgeschäftsführerin des ÖGB Vorarlberg tätig. Die Bludenzerin ist seit 1999 Kammerrätin in der Arbeiterkammer Vorarlberg und seit 2004 AK-Vizepräsidentin.

Nach Beginn der Pandemie hatte man das Gefühl, dass der Respekt für die Beschäftigten – nicht nur in der Pflege – deutlich ansteigt. Wie viel ist davon nach zwei Jahren der Pandemie geblieben?
Auer:
In der ersten Welle war der Respekt durchaus spürbar. Seitdem hat der Effekt aber wieder nachgelassen. Es gibt einzelne Bereiche, in denen freiwillig eine Prämie für die Mitarbeiter bezahlt worden ist – beispielsweise im Handel. In anderen Bereichen mussten wir hart darum kämpfen, dass es überhaupt eine Prämie gibt. In vielen Bereichen, in denen die Kolleginnen und Kollegen „an der Front“ arbeiten, hat es bis heute nichts gegeben. Dazu gehören etwa die Kindergartenpädagoginnen, was mich sehr ärgert. Sie hatten nie die Möglichkeit, sich richtig zu schützen und sind oft alleingelassen worden. Dadurch ist auch der Frust stark gestiegen. Es hat ein Dankeschön gefehlt. Dazu waren auch die Gehaltsverhandlungen – gerade in diesen Bereichen – nicht sehr einfach. Die Gewerkschaften haben dabei ihr Möglichstes getan, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Die Kindergartenpädagoginnen hätten einen Coronabonus verdient, ist Auer überzeugt. <span class="copyright">APA/Harald Schneider</span>
Die Kindergartenpädagoginnen hätten einen Coronabonus verdient, ist Auer überzeugt. APA/Harald Schneider

Beim Thema Gewerkschaften und Arbeitnehmer denkt so mancher auch an die mögliche Ansiedlung von Amazon in Dornbirn. Das Unternehmen hat nicht unbedingt den besten Ruf, was den Umgang mit den Mitarbeitern angeht. Wie groß sind diesbezüglich die Befürchtungen bei den Verantwortlichen der Gewerkschaft?
Auer:
Beim Thema Amazon gibt es für mich gewerkschaftlich und politisch mehrere Ansatzpunkte. Die erste Frage ist, ob wir ein Unternehmen hier ansiedeln lassen möchten, das steuertechnisch so agiert wie Amazon. Das Zweite ist, dass wir den Umgang des Konzerns mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kennen, und das ist nicht sehr arbeitnehmerfreundlich. Die dritte Frage ist, ob eine Ansiedlung an diesem Standort verkehrstechnisch sinnvoll ist.

Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie auch die Arbeitsbedingungen bei der Post in Vorarlberg thematisiert. Würde eine Ansiedlung von Amazon in diesem Bereich den Druck noch einmal erhöhen?
Auer
: Natürlich. Amazon möchte ja ein Verteilzentrum errichten, und die Arbeitsbedingungen beim Konzern sind alles andere als gut. Die Berichte über den schlechten Umgang mit Zustellern oder Subunternehmern sind ja allgemein bekannt. Schon bei der heimischen Post sind die Arbeitsbedingungen verbesserungswürdig, aber dort gibt es zumindest einen Kollektivvertrag und gewisse Standards. Amazons Praktiken sind jenseits davon. Die ohnehin schon schwierige Situation würde sich dadurch noch einmal verschärfen.

Auer hat eine Landtagsanfrage zur möglichen Ansiedlung von Amazon in Dornbirn gestellt.<span class="copyright"> Reuters/Pascal Rossignol</span>
Auer hat eine Landtagsanfrage zur möglichen Ansiedlung von Amazon in Dornbirn gestellt. Reuters/Pascal Rossignol

Sie haben eine Anfrage an Wirtschaftslandesrat Marco Tittler (ÖVP) zur möglichen Amazon-Ansiedlung gestellt. Wie zufrieden waren Sie mit seinen Antworten?
Auer:
Ich war von der Anfragebeantwortung sehr enttäuscht. Ich nehme es zur Kenntnis, dass der Landesrat sich nicht dazu äußern wollte, wie er zu einer Ansiedlung von Amazon steht. Aber wenn ich mir anschaue, wie intensiv die Ikea-Ansiedlung in Lustenau diskutiert worden ist, kann es nicht sein, dass der Landesrat bei Amazon nun auf die Stadt verweist und mitteilt, dass das Land keine aktive Betriebsansiedlungspolitik betreibt. So habe ich seine Antwort zumindest verstanden. Gerade im Hinblick auf den Klimaschutz und die sinnvolle Nutzung von Grund und Boden ist das eine traurige Beantwortung.

Wird die Stadt in dieser Angelegenheit seitens des Landes auch ein bisschen im Regen stehen gelassen?
Auer:
Ich weiß nicht, wie das die Verantwortlichen in Dornbirn empfinden, aber ich glaube, dass man die Stadt das nicht alleine entscheiden lassen kann. Das Land müsste da das große Ganze im Blick haben. Denn eine Ansiedlung von Amazon würde ja nicht nur Dornbirn betreffen, sondern der Verkehr hätte ja auch Auswirkungen auf die anderen umliegenden Gemeinden.

Wie sehen Sie die Chancen für eine Ansiedlung von Amazon am Standort in Dornbirn?
Auer:
Das ist schwer zu beurteilen. Amazon versucht ja auch in anderen Bundesländern Standorte zu schaffen. In der Steiermark ist der Protest beispielsweise weitaus massiver als bei uns. Als Gewerkschafterin ist es mir wichtig, dass wir Arbeitsplätze haben und auch Betriebe, die investieren. Das sollten aber auch Betriebe sein, die hier Steuern zahlen, und die Arbeitsplätze sollten nachhaltig sein.

Und es geht wohl auch um qualitativ hochwertige Arbeitsplätze, oder?
Auer:
Genau. Ich habe gerade an einer bundesweiten Veranstaltung mit den Sozialpartnern zum Thema Kinderbetreuung teilgenommen. In Deutschland gibt es ein Recht auf einen Kinderbetreuungsplatz und ein Experte, der die Umsetzung begleitet, hat erzählt, dass dadurch Zehntausende zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Um solche Arbeitsplätze sollte es gehen. Das macht den Unterschied.

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