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Zwischen Krieg und Hoffnung

21.03.2026 • 10:00 Uhr
Michael Rünzller plus Familie aus der Ukraine
Die Familie Kalinichenko in ihrer Unterkunft in Dornbirn. cvfh

Raketenangriffe, Angst und Flucht: Die ukrainische Familie Kalinichenko hat ihre Heimat Sumy verlassen und mit Unterstützung der Caritas in Vorarlberg Zuflucht gefunden.

Die nordöstlich gelegene Stadt Sumy mit rund 250.000 Einwohnern, nur 25 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, wurde bereits in den ersten Tagen nach dem Angriff auf die Ukraine zum Kriegsschauplatz. Russische Truppen rückten vor, rund 45.000 Menschen verließen die Stadt. Nach dem Abzug der russischen Streitkräfte wird Sumy seit April 2022 wieder von ukrainischen Truppen kontrolliert. Dennoch war die Stadt auch danach immer wieder Ziel von Angriffen. So etwa im April 2025, als bei einem Raketenangriff Dutzende Zivilisten starben.

Zwischen Krieg und Hoffnung
Bohdan und Yuliia Kalinichenko mit Tochter Solomiia im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Stiplovsek


Für die Familie Kalinichenko war Sumy einst Heimat. „Es war ruhig und schön. Alles war in Ordnung“, erinnert sich Bohdan Kalinichenko im Gespräch mit der NEUE. Der 33-Jährige arbeitete als Ingenieur auf Baustellen und führte eine eigene Firma: „Wir haben alles gemacht, von Heizungen über Wasserinstallationen bis hin zu kompletten Bauarbeiten vom Fundament bis zum Dach.“ Auch seine Frau Yuliia (31) führte ein erfülltes Leben: „Ich habe an einer Musikschule gearbeitet und als Sängerin.“ Dazu kamen die Freuden mit der heute sechsjährigen Tochter Solomiia. Doch der Krieg zerstörte diese Normalität abrupt. „Unsere Musikschule war in einer Bibliothek untergebracht, auch dort sind Raketen eingeschlagen. Viele Menschen sind gestorben“, berichtet die 31-Jährige.

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Angst als ständiger Begleiter

Die Entscheidung zur Flucht fiel unter dem Eindruck permanenter Bedrohung. „Wir lebten in ständiger Angst, immer wieder gab es Drohnen- und Raketenangriffe“, sagt Bohdan Kalinichenko. Hinzu kamen andauernde Strom- und Wasserknappheit. Schließlich drängte er seine Frau zur Ausreise: „Das Wichtigste war, dass unsere Familie, besonders unsere Tochter Solomiia, in Sicherheit ist. Deshalb habe ich zu Yuliia gesagt: Du musst nach Österreich gehen.“ Zumal ihre Mutter und ihre Schwester bereits seit Längerem in Vorarlberg leben.

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Sorge um die Familie

Am 15. Mai 2025 floh Yuliia mit der gemeinsamen Tochter Solomiia. „Ich bin mit unserer Tochter mit dem Bus aus der Ukraine geflüchtet und dann über Polen weiter mit dem Flugzeug nach Österreich“, erzählt sie. Der Vater blieb zunächst zurück und folgte erst zwei Wochen später. „Ich bin über Rumänien nachgekommen. Zum Teil zu Fuß durch die Berge. Es war eine lange und schwere Reise.“ Geblieben ist vor allem die Sorge um die Familie in der Heimat. „Mein Vater ist beim Militär, meine Mutter ist zu Hause. Das ist sehr schwer für mich“, sagt Bohdan Kalinichenko. Natürlich vermissen sie auch ihre Freunde und die Arbeit – „eigentlich alles“.

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In Dornbirn untergebracht

Heute lebt die Familie in Dornbirn und wird von der Caritas Vorarlberg unterstützt. Schritt für Schritt bauen sie sich ein neues Leben auf. Bohdan Kalinichenko, der über gute Deutschkenntnisse verfügt, arbeitet derzeit probeweise wieder am Bau: „Für mich ist das nichts Neues, das kenne ich.“ Yuliia Kalinichenko arbeitet im Service und trägt ihre Musik weiterhin in sich: „Ich habe alles gesungen – Jazz, Oper, Pop, Rock.“ Solomiia besucht den Kindergarten. „Das gefällt mir gut.“

Michael Rünzller plus Familie aus der Ukraine
Bohdan Kalinichenko: “Das Wichtigste war, dass unsere Familie, besonders unsere Tochter Solomiia, in Sicherheit ist.” cvfh

Die Verbindung zur Heimat bleibt eng. „Wir haben jeden Tag Kontakt über Telefon und Internet. Wir verfolgen ständig, was passiert. Es ist traurig, es gibt immer wieder Angriffe“, sagt Bohdan Kalinichenko. „Vor wenigen Tagen ist in Sumy wieder eine Rakete eingeschlagen, dabei wurde ein Mensch getötet.“

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Aufräumarbeiten nach einem russischen Raketenangriff in der ukrainischen Stadt Sumy.afp

Wie die Zukunft aussieht, ist ungewiss. „Das ist schwer zu sagen. Die Situation ändert sich ständig“, meint der 33-Jährige. Trotz allem überwiegt die Dankbarkeit: „Danke an Österreich. Danke an Vorarlberg. Danke an die Caritas. Das ist eine große Hilfe für uns“, sagen Yuliia und Bohdan Kalinichenko.

Flüchtlingshilfe: Alltagshilfe und Integration

Die Lebens- und Sozialberaterin Daniela Berlinger leitet und koordiniert für die Caritas Vorarlberg die Flüchtlingshilfe in der Region Dornbirn und im Unterland. In ihrem Zuständigkeitsbereich – von Dornbirn über Lustenau bis Hohenems und Hard – werden aktuell 675 Klientinnen und Klienten in 64 Quartieren betreut. Dabei handelt es sich um kleine Wohnungen, Häuser und Großquartiere. Zum Team zählen 23 Betreuerinnen und Betreuer. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Begleitung von Familien und Einzelpersonen sowie die Organisation und Sicherstellung einer bedarfsgerechten Betreuung und Unterstützung im Alltag und in herausfordernden Lebenssituationen. Die Angebote sind umfassend und werden individuell auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt.

Danielea Berlinger
Daniela Berlinger. cvfh

„Ein besonderer Fokus liegt auf der ganzheitlichen Integration ukrainischer Familien, wie etwa der Familie Kalinichenko“, führt Berlinger aus. „Dazu gehören Unterstützung bei Arztterminen, Hilfe im Bildungssystem für Kinder sowie die Förderung von Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.“ Ziel ist es, Sicherheit zu geben, vorhandene Ressourcen zu stärken und langfristig eine Integration in Vorarlberg zu ermöglichen. Eine enge Zusammenarbeit mit Gemeinden, Behörden und anderen Institutionen bildet dafür eine wichtige Grundlage.